Diese Aussage des Bayern Vorstandsvorsitzenden Christian Dreesen drückt die finanzielle Übermacht des FC Bayern perfekt aus: „Wir haben die wirtschaftliche Power, uns jeden Transfer leisten zu können“. Ein Satz, wie in Stein gemeißelt.

Der FC Bayern spielt wirtschaftlich in einer eigenen Liga. Die wirtschaftliche Übermacht der Münchner schadet der Spannung in der Bundesliga. Doch Dortmund darf daraus nicht die falschen Schlüsse ziehen. Weniger Geld erklärt unterschiedliche Möglichkeiten – aber keinen Fußball unter dem eigenen Niveau.

Bayern macht die Bundesliga langweilig – weil der Vorsprung sich selbst verstärkt

Zweifellos: Die Bundesliga hat ein Spannungsproblem. Und dieses Problem lässt sich nicht allein mit dem Hinweis lösen, die anderen Vereine müssten eben besser arbeiten.

Natürlich müssen sie das. Aber der Wettbewerb wird schon lange nicht mehr unter gleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen ausgetragen. Wer dauerhaft mehr finanzielle Mittel besitzt, kann – nach Belieben – mehr Qualität verpflichten, Leistungsträger leichter halten und Fehlentscheidungen besser verkraften. Aus wirtschaftlichem Vorsprung kann sportlicher Erfolg entstehen – und aus sportlichem Erfolg wiederum zusätzlicher wirtschaftlicher Vorsprung.

Genau deshalb verdient die nicht wegdiskutierbare finanzielle Kluft zwischen Bayern München und Borussia Dortmund eine ehrliche Betrachtung. Lars Ricken und Carsten Cramer, immerhin handelnde Personen beim BVB, räumen das unbestreitbare neidlos ein: „Ja, die Bayern sind uns finanziell enteilt.“

Das ist zunächst eine Bestandsaufnahme. Keine Kapitulation. Und schon gar keine Aufforderung, den Abstand mit Schulden zu überbrücken.

Cramers Absage an finanzielles „Harakiri“ ist deshalb richtig und ökonomlisch geboten. Niemand sollte von Dortmund verlangen, wirtschaftliche Vernunft über Bord zu werfen, nur um in München „kurzfristig“ Eindruck zu hinterlassen. Dieses ambitionierte Versuch führte den traditionsreichen Arbeiterclub vor gut 20 Jahrenn schon einmal an den Rand des Abgrunds.

Die Lehren daraus waren und sind: kalkulierbares, vertretbares Risiko. Ein Verein muss auch dann handlungsfähig bleiben, wenn ein teurer Transfer scheitert oder eine Saison hinter den Erwartungen zurückbleibt und Wettbewerbsziele nicht erreicht werden.

Allerdings besitzt diese Vernunft eine unbequeme Kehrseite: Wenn der stärkste Klub seine Möglichkeiten weiter ausbaut, während die Verfolger jeden größeren Schritt sorgfältig absichern müssen, wird die Meisterschaft strukturell vorhersehbarer und die Bundesliga entwertet sich ein Stück weit selber.

Das ist ganz sicher kein moralischer Vorwurf gegen Bayern. Die Münchner müssen sich nicht dafür entschuldigen, wirtschaftlich (und sportlich!) erfolgreich zu sein. Aber die Liga darf die Folgen dieser Dominanz nicht mit dem Hinweis wegwischen, jedes einzelne Spiel beginne schließlich bei null. Ein einzelnes Spiel beginnt bei null.

Eine Saison beginnt nicht ohne Voraussetzungen. Über viele Monate werden Kaderbreite, individuelle Klasse und insbesondere die Möglichkeit, Ausfälle zu ersetzen, wichtiger. Genau darin liegt die Schwierigkeit für die Konkurrenz: Sie muss nicht nur gelegentlich besser sein. Sie muss ihre Möglichkeiten außergewöhnlich konsequent ausschöpfen.

Für neutrale (und ausländische) Zuschauer kann das absolut ermüdend werden. Eine Meisterschaft lebt schließlich von glaubwürdiger Ungewissheit. Nicht davon, dass der Favorit grundsätzlich gewinnen soll und die Konkurrenz hauptsächlich dafür gelobt wird, möglichst lange mitzuhalten.

Dortmund muss nicht Bayerns Möglichkeiten besitzen – sondern eigene besser ausschöpfen

Doch aus diesem Problem folgt noch keine Entschuldigung für Borussia Dortmund.
Im Gegenteil:

Gerade weil die Kräfteverhältnisse ungleich sind, braucht die Bundesliga einen Herausforderer, der seine Rolle offensiv annimmt und zumindest den „ernsthaften Willen“ erkennen läßt, diese Pharlanz zu durchbrechen. Hier beginnt die Verantwortung des BVB. Bayerns finanzieller Vorsprung erklärt, warum Borussia nicht jede personelle Lücke mit einer internationalen Spitzenverpflichtung schließen kann. Er erklärt aber nicht, warum eine Dortmunder Mannschaft hinter ihrem eigenen Anspruch bleiben sollte.

Er erklärt keine halbherzigen Laufwege. Keine fehlende Unterstützung im Pressing. Keine Angriffe, bei denen der Ballführende auf Bewegung wartet und seine Mitspieler auf eine Idee des Ballführenden. Vor allem erklärt er keine Haltung, die den Gegner schon vor dem Anpfiff größer macht, als er ohnehin ist.

Ein Herausforderer muss nicht behaupten, in allen Bereichen auf Augenhöhe zu sein. Er muss aber entschlossen nach den Bereichen suchen, in denen er dem Favoriten wehtun kann. Mit Kampf, Leidenschaft und erkennbarem Willen! Spiele gegen den Primus müssen wieder als „machbare“ Herausforderung angesehen werden.

Dafür braucht es mehr als demonstrative Kampfbereitschaft. Ein hungriges Kollektiv ist keine Mannschaft, die besonders laut über Leidenschaft spricht. Es ist eine Mannschaft, deren Spieler füreinander handeln. Einer läuft an, die anderen schließen die Anschlusswege. Einer verliert den Ball, die anderen stellen sofort den Zugriff her. Einer startet in die Tiefe, ein anderer erkennt den Raum, den dieser Lauf öffnet.

Und idealerweise hat der Trainer dazu eine clevere Strategie. Hunger wird dann sichtbar, wenn aus elf individuellen Aufgaben eine gemeinsame Absicht entsteht.

Nicht blind anrennen, sondern gemeinsam unbequem werden

Das bedeutet nicht, gegen Bayern kopflos nach vorne zu stürmen, sondern durch aggressives Pressing bei ihnen Fehler im Aufbauspiel zu erzwigen und daraus Kapital zu schlagen. Denn wer Herausforderermentalität mit taktischer Naivität verwechselt, erleichtert dem Favoriten die Arbeit.

Schwarzgeblb braucht keinen Fußball, der vor allem mutig aussieht sondern Fußball, der den Gegner tatsächlich vor Probleme stellt. Das ist die Aufgabe von Niko Kovač. Er muss aus den vorhandenen Fähigkeiten ein verlässliches Mannschaftsspiel entwickeln. Nicht jeden Spieltag ein Offensivspektakel. Aber einen Auftritt, dessen Entschlossenheit nicht von Spielstand und Tagesform abhängt.

Lars Ricken verwies zuletzt auf die Belastung einer Saison mit mittlerweile rund 50 Spielen. Natürlich kann eine Mannschaft nicht über Monate ausschließlich „Vollgasfußball“ spielen. Allerdings stehen zwischen permanentem „Hurra-Fußball“ und zu wenig Initiative zahlreiche vernünftige Möglichkeiten.

Kontrolliert zu spielen heißt nicht, passiv zu werden. Kräfte einzuteilen heißt nicht, den Gegner in Ruhe den Spielaufbau zu überlassen. Und defensive Stabilität ist kein Gegenentwurf zu offensiver Bewegung. Im besten Fall ermöglicht sie diese erst…

Die Kaderplanung muss auf dem Platz erkennbar werden

Wenn Ricken erklärt, die Sommerzugänge sollten unter anderem Serhou Guirassy stärker in Szene setzen, ist das ein nachvollziehbarer Anspruch. Dann muss aber auch genau daran gemessen werden, ob der Plan – übergangsweise – auch ohne die griechischen Offensivtalente Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias funktioniert.

Erhält der Mittelstürmer ausreichend Unterstützung? Gibt es abgestimmte Bewegungen um ihn herum? Werden seine Laufwege erkannt? Kommen Mitspieler nach, wenn er Bälle festmacht? Bayern spielt mit nominell drei Spitzen (Kane, Diaz, Olise) Ist der BVB nicht besser beraten, zumindes mit Fabio Silva im Team anzugreifen?

Der Hinweis auf die Qualität des Kaders genügt also ebenso wenig wie der Hinweis auf dessen Grenzen. Entscheidend ist, welche Verbindungen zwischen den Spielern entstehen. Eine gute Mannschaft ist nicht einfach eine „lose Ansammlung“ guter Verpflichtungen. Sie macht deren Fähigkeiten lediglich füreinander nutzbar. Alles andere wächst zusammen durch Teambuilding.

Deshalb darf die Debatte nicht auf die Alternative verengt werden, Dortmund müsse entweder Bayern finanziell einholen oder seine Erwartungen senken. Ein gesundes Maß an Selbsbewusstsein beim „2. Leuchtturm“ muss wie selbstverständlich zur Club-DNA gehören. Dazwischen liegt der eigentliche Arbeitsauftrag: die vorhandenen Mittel besser in „Leistung“ übersetzen.

Realismus darf den Ehrgeiz nicht ersetzen

Die Verantwortlichen haben natürlich recht, wenn sie wirtschaftliche Unterschiede benennen. Auch die Anhänger sollten anerkennen, dass nicht jede verpasste Meisterschaft automatisch ein Beweis schlechter Arbeit ist. Umgekehrt ist nicht jede Kritik Ausdruck unrealistischer Erwartungen.

Wer wenn nicht die Fans dürfen verlangen, dass ihre Mannschaft geschlossen auftritt, einen erkennbaren Plan verfolgt und sich nicht mit der Rolle des verständnisvollen Verfolgers zufriedengibt. Sie dürfen erwarten, dass ein Trainer vorhandene Qualität entwickelt. Und sie dürfen fragen, weshalb das eigene Potenzial nicht verlässlicher sichtbar wird.

Dabei geht es nicht um eine Titelgarantie. Es geht um den Unterschied zwischen einer Mannschaft, die auf ihre Gelegenheit wartet, und einer Mannschaft, die sich ihre Gelegenheit erarbeitet. Genau das sollte Dortmund ausstrahlen: Wir kennen eure Stärke. Wir kennen unsere Grenzen. Aber wir werden euch nichts bequem machen.

Der Maßstab heißt nicht Bayern – sondern das eigene Maximum

Gewiß, Bayern kann der Bundesliga Spannung nehmen. Borussia sollte daher dem Rekordmeister nicht auch noch die Gegenwehr ersparen. Die finanzielle Kluft ist realer Kontext, aber kein universeller Erklärungsansatz. Sie gehört in die Bilanzanalyse. Sie darf nicht jede sportliche Diskussion beenden.

Der BVB muss nicht versprechen, Bayern zu überholen. Er muss zeigen, dass er bereit ist, den Favoriten mit allen eigenen Möglichkeiten herauszufordern: taktisch, spielerisch und als Kollektiv. Ole Book hat dies nicht nur verstanden, er lebt das vor. Mit ein wenig Zeit wird er diese Denkweise im Club etablieren.

Denn ein Herausforderer fragt nicht zuerst, warum der andere stärker sein dürfte. Er fragt, was er selbst tun muss, damit man davon auf dem Platz möglichst wenig bemerkt.


2 Kommentare zu „Bayerns Milliarden keine Ausrede: Der BVB muss wieder Herausforderer sein“

  1. Avatar von Jörg Krüger
    Jörg Krüger

    Wer soll das auf dem Foto sein? Carsten Cramer und Lars Ricken definitiv nicht!

    1. Avatar von admin

      KI kann vieles, aber alles leider nicht. Aber Insider wie wir wissen ja, wer gemeint ist.

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