Der Klassiker in München. Sky übertrug das Spitzenspiel exklusiv. Wie gewohnt kommentierte Wolff-Christoph Fuss. Anschließend fragten sich weite Teile des deutschen Fernsehpublikums: Muss ein Fußballkommentator nicht neutraler sein? Und exakt hier liegt der „journalistisch“ interessante Kern.

Ok, ein Fußballkommentator ist kein Nachrichtensprecher, der ausschließlich „Fakten“ verliest. Er darf durchaus Emotionen zeigen und Begeisterung vermitteln, Spieler und Mannschaften loben oder eben auch kritisieren. Er sollte auch taktische Entscheidungen hinterfragen, Schiedsrichterentscheidungen kommentieren und bewerten. Meinetwegen soll er auch eine persönliche Einschätzung zur Spielentwicklung abgeben, dabei aber die Grenze zwischen Bewertung und Tatsachenbehauptung deutlich kenntlich machen. Das ist ein wesentlicher Teil seines Jobs.

Die Fußballübertragungen der großen Rechteinhaber sind längst nicht nur Unterhaltung. Sie prägen – je nach wirtschaftlichen Interessen – die Wahrnehmung von Mannschaften, Spielern, Trainern und Schiedsrichtern. Deshalb müssen sich ihre Kommentatoren und Experten auch an journalistischen Qualitätsmaßstäben messen lassen. Ich will weniger beweisen, dass Kommentatoren parteisch sind, sondern vielmehr überprüfen, ob sie es tatsächlich sind – und ob die Zuschauer mit ihrer Kritik einen berechtigten Einwand haben.

Besonders problematisch wird es, wenn sich wiederkehrende Muster zeigen, z.B. unterschiedliche Maßstäbe bei vergleichbaren Aktionen beider Mannschaften erkennbar sind. Abwertende oder heroisierende Formulierungen, die nicht durch das „tatsächliche“ Spielgeschehen gedeckt sind. Einseitige Interpretation strittiger Schiedsrichterentscheidungen sind ein stetes Ärgernis. Aber auch wiederholte Betonung von Fehlern einer Mannschaft bei gleichzeitiger Relativierung vergleichbarer Fehler der anderen wird wahrgenommen.

Warum werden Spielszenen, strittige Entscheidungen und die Leistungen des FC Bayern in der Fernsehberichterstattung erkennbar mit anderen Maßstäben beurteilt als die seiner Herausforderer? Hat Bayern in der Berichterstattung also tatsächlich eine Sonderstellung? Schauen wir auf vier messbare Faktoren.

1.). Der wirtschaftliche Faktor
Bayern ist eine der bekanntesten deutschen Fußballmarken. Die Mannschaft hat eine enorme Reichweite. Es ist denkbar, dass diese Bedeutung auch die redaktionelle Gewichtung beeinflusst. Beweisen läßt sich das anhand von Programmgestaltung, Sendezeit und Berichterstattung.

2.) Die historische Hierarchie
Der Rekordmeister wird häufig als Maßstab genommen. Herausforderer erscheinen dann schnell als Mannschaften, die etwas erreichen müssen, während Bayern als natürliche Bezugsgröße des Standards behandelt wird.

3.) Die Expertenauswahl
Wenn ehemalige Bayern-Spieler oder Personen mit enger Bayern-Vergangenheit regelmäßig als Experten auftreten, ist das nicht automatisch unproblematisch. Entscheidend ist dann, ob sie ihre Perspektive reflektieren und auch andere Sichtweisen zulassen.

4.) Die Sprache
Das ist für mich der wichtigste Ansatzpunkt. Vergleichen wir beispielsweise folgende Bewertungen:

  • Bayern spielt einen Fehlpass = individuelles Missverständnis.
  • Dortmund spielt einen Fehlpass = mangelnde Qualität.
  • Bayern verteidigt aggressiv = souverän und dominant.
  • Dortmund verteidigt aggressiv = destruktiv und defensiv.
  • Bayern bekommt einen Elfmeter = berechtigte Entscheidung.
  • Dortmund bekommt einen Elfmeter = strittige Szene.

Und da sind wir automatisch schon bei der berühmten „Bayern-Perspektive“ (kennen wir schon als „Bayern-Elfer“ und „Bayern-Overtime“). Der Herausforderer wird zum Außenseiter der Berichterstattung

  • Wird der FC Bayern als journalistischer Normalmaßstab behandelt?
  • Werden seine Leistungen (und Fehler) anders eingeordnet?
  • Werden Herausforderer automatisch häufiger kritisch bewertet?
  • Welche Rolle spielen „Experten“ mit Vereinsvergangenheit?
  • Gibt es redaktionelle Muster bei Sky und DAZN?

Ich habe bei meiner Recherche etwas gefunden, was durchaus interessant ist. Eine 2023 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung von Jessica Kunert und Peer Kuni trägt den Titel: „Tension between Journalistic and Entertainment Values in Live Soccer TV Commentary“. Die Autoren haben 28 Fernsehkommentatoren, einen Radiokommentator und einen Experten aus dem deutschen Fußballfernsehen befragt. Darunter waren auch Moderatoren aus dem Umfeld von Sky und DAZN. Besonders interessant sind drei Erkenntnisse:

  • Kommentatoren sehen sich teilweise als objektive Vermittler, teilweise stärker wollen sie als emotionale Entertainer auftreten.
  • Fachwissen und journalistische Qualität haben nach eigenen Angaben der Befragten einen hohen Stellenwert.
  • Die redaktionellen Vorgaben der Sender beeinflussen deutlich den Stil der Kommentierung.

Damit erklärt sich schnell die öffentliche Kritik an Fuss und Matthäus nach dem Spiel. Die konkret strittigen Szenen und deren unterschiedliche Bewertung. Als Fabio Silva das späte Siegtor erzielte, kritisierte „Unser aller Loddar“ sofort „dienstbeflissen bajuwarisch“, dass Pavlovic am Boden liegt. Somit konnte der Zweikampf zuvor mit Karetsas ja nicht regelkonform gewesen sein. Szenen wie diese sind es, die das zahlende Publikum zur Weißglut treiben. Hier versucht die Bayern-Ikone Matthäus dem regelgerecht zustande gekommenen Ausgleichstreffer seine Geltung abzusprechen – ein Unding, und nicht das Einzige an diesem Abend!

Im 2. Teil werfen wir deshalb mal einen Blick auf die „Qualität“ der Kommentatoren, für deren wöchentliche Schilderungen Fans ja verdammt tief in die Tasche greifen müssen (ein kombiniertes Paket aus Sky/WOW Bundesliga & Sport plus DAZN Unlimited ist je nach aktueller Rabattaktion im Jahresabo meist ab fette 69,99 € pro Monat zu haben).

Zu Teil 2


4 Kommentare zu „90 Minuten Neutralität: Wie parteisch darf Fußballjournalismus sein?“

  1. Avatar von Wolfgang
    Wolfgang

    Was der Fuss und Lodda da wieder gelabert haben ist wie immer pro Bayern.Einfach zum Kotzen

  2. Avatar von W.Preite
    W.Preite

    Hallo, ihr habt vollkommen recht Wolf Fuß und Matthäus sind immer auf Bayern Seite. Ekelhaft das mit anhören zu müssen als Bvb Fan. Früher gab es mal den Stadion To’n da konnte man den Kommentar abschalten. Ich kann es nicht verstehen, warum das nicht wieder eingeführt wird. Es ist einfach furchtbar, dass man diesen Kommentar sich anhören muss. Das bringt ein wirklich zur Weißglut.😡😡😡 Sorry, dass ich das so deutlich sagen muss aber es ist leider so. Man kann echt nur hoffen, dass man bald wieder aufs Stadion Ton umschalten kann, um sich diesen furchtbaren Kommentar nicht mehr anhören zu müssen.

  3. Avatar von Jürgen
    Jürgen

    Ich kann diesem Bericht nur zu 100% zustimmen, das die Bayer eine gute Mannschaft sind, bestreitet ja niemand, aber bei jeder Übertragung diese Lobeshymnen einiger Spieler nervt mich total.
    „ Die Bayern können über das Wasser gehen „
    Die anderen 17 Mannschaften der Bundesliga können vielleicht mal gerade den Ball stoppen und können dem Bayerischen Fußball nicht das Wasser reichen. Dies und ähnliches empfinde ich bei den Star- Reporter von Sky. Vielleicht sollten Sie mal ausgetauscht werden. Das ist meine persönliche Meinung.

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