Heute widme ich mich einem drängenden Thema, das weit über aktuelle Unternehmensmeldungen hinausgeht. Es berührt eine der entscheidenden Zukunftsfragen des Wirtschaftsstandorts Deutschland: Wie konnte ausgerechnet das Land, das den Automobilbau erfunden und den Maschinenbau bzw. die industrielle Zulieferkompetenz weltweit geprägt hat, seine Stellung in einer seiner wichtigsten Schlüsselindustrien derart unter Druck geraten lassen?

Vom Weltmarktführer zum Sanierungsfall: Warum deutsche Industriekompetenz zunehmend ins Ausland wandert

Es ist eine Nachricht, die besonders im Ruhrgebiet aufhorchen lassen muss. Die gestrige Schaeffler-Pressemitteilung ist erschreckend konkret: 3.460 Stellen sollen in Europa wegfallen – davon entfallen 2.660 auf Deutschland. Vier deutsche Standorte sollen geschlossen werden, darunter auch die Niederrlassung in Dortmund mit derzeit rund 460 Beschäftigten. Das Unternehmen will damit ab 2030 jährlich rund 300 Millionen Euro einsparen.

Besonders bitter: In Dortmund geht es um den früheren Vitesco-Standort in Dorstfeld. Vitesco gehört inzwischen zur Schaeffler-Gruppe. Das Werk produziert Komponenten für Verbrennungsmotoren. Das ist nicht einfach eine abstrakte Konzernentscheidung.

Hier verschwindet ein weiteres Stück Dortmunder Industriegeschichte – und für Hunderte Beschäftigte geht es um ihre Existenz und ihre berufliche Zukunft. Ein Unternehmen, dessen technologische Kompetenz einst Teil der deutschen Automobilindustrie war, verschwindet damit aus unserer Stadt. Und Dortmund ist kein Einzelfall.

Was hier geschieht, ist Teil einer Entwicklung, die längst die gesamte deutsche Automobil- und Zulieferindustrie erfasst hat. Zehntausende Arbeitsplätze verschwinden, Werke werden geschlossen, Investitionen zurückgestellt oder ins Ausland verlagert. Deutschland verliert nicht einfach nur Arbeitsplätze. Deutschland verliert industrielle Wertschöpfung, technologische Kompetenz und gewachsene Produktionsstrukturen.

Eine Branche im Umbruch – aber warum gerade Deutschland?

Natürlich wäre es zu einfach, sämtliche Probleme allein auf die Politik zu schieben. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Automobilindustrie sich weltweit in einem tiefgreifenden Wandel befindet. Die Elektromobilität verändert Produktionsprozesse, die technologisch enteilte Konkurrenz aus China wächst, Absatzmärkte entwickeln sich unterschiedlich und die Nachfrage bleibt hinter manchen Erwartungen zurück.

Doch genau hier beginnt die entscheidende Frage: Warum gelingt es anderen Industriestandorten, von diesen Veränderungen zu profitieren, während Deutschland immer häufiger mit Werksschließungen und Stellenabbau konfrontiert ist? Die unangenehme Antwort liegt auch in den immer schlechter werdenden Standortbedingungen begründet.

Viel zu hohe Energiepreise, hohe Arbeitskosten, Steuern und Abgaben, eine ausufernde Bürokratie und schwer kalkulierbare politische Rahmenbedingungen sind ganz sicher keine Erfindung kritischer Journalisten. Sie werden von Unternehmen und Branchenverbänden seit Jahren als „zentrale Investitionshemmnisse“ benannt.

Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen 2019 und 2025 gingen allein in der deutschen Automobilzulieferindustrie rund 74.000 Arbeitsplätze verloren. Das entspricht etwa einem Viertel der damaligen Beschäftigung im Land.

Der politische Irrtum: Transformation ohne ausreichende Rücksicht auf die industrielle Basis?

Die völlig verfehlte europäische Klimapolitik hat der Automobilindustrie einen klaren Transformationskurs vorgegeben. Die ursprüngliche Regelung sah für neue Pkw ab 2035 nicht weniger als eine „vollständige“ Reduktion der Flottenemissionen vor.

Hauptproblem ist die „europäische“ CO₂-Regulierung. Die ursprüngliche Regelung sah ab 2035 eine vollständige Reduktion der Flottenemissionen neuer Pkw vor. Die EU-Kommission hat inzwischen einen Alibi-Vorschlag für mehr Flexibilität vorgelegt: 90 Prozent Reduktion am Auspuff, die restlichen zehn Prozent sollen kompensiert werden können.

Auch interessant in diesem Zusammenhang: Bereits im September 2025 forderten VDA und IG Metall gemeinsam, die CO₂-Regulierungen zu flexibilisieren und die Elektromobilität stärker zu fördern. Das ist bemerkenswert, weil hier Arbeitgeberverband und Gewerkschaft dieselbe Sorge um den Industriestandort formulierten.

Das Problem ist nicht, dass Deutschland seine Industrie modernisiert. Das Problem ist die Frage, ob Politik und Wirtschaft diese Transformation mit ausreichender Geschwindigkeit, Planungssicherheit und wirtschaftlicher Vernunft überhaupt gemeinsam bewältigen können.

Denn während Deutschland über Antriebsverbote, Grenzwerte und Förderbedingungen diskutiert, investieren andere Länder gezielt in ihre industrielle Zukunft.

Audi zieht Konsequenzen – und investiert Milliarden in Amerika

Ein auffällig alternatives Beispiel liefert Audi. Der Konzern plant – fernab seiner Heimat in Ingolstadt – im Südosten der Vereinigten Staaten einen eigenen Produktionsstandort. Investitionsvolumen: rund vier Milliarden US-Dollar. Geplant sind in Georgia etwa 4.500 Arbeitsplätze und eine jährliche Produktionskapazität von 200.000 Fahrzeugen.

Audi begründet diesen Schritt mit der „Bedeutung des amerikanischen Marktes“, der Wettbewerbsfähigkeit und der Notwendigkeit, Handels- und Währungsrisiken zu reduzieren. Man muss Audi deshalb keinen Vorwurf machen. Ein Unternehmen muss dort investieren, wo es langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

Aber genau deshalb muss Deutschland sich eine unangenehme Frage gefallen lassen: Warum entstehen solche Zukunftsinvestitionen zunehmend dort, wo Unternehmen bessere wirtschaftliche Perspektiven sehen – und nicht selbstverständlich am angestammt Standort Deutschland?

Die Rechnung bezahlen am Ende die Beschäftigten

Was in den Vorstandsetagen als notwendige Restrukturierung, Effizienzprogramm oder Kapazitätsanpassung bezeichnet wird, bedeutet für die Menschen vor Ort etwas ganz anderes. Es bedeutet den Verlust des Arbeitsplatzes, Unsicherheit für Familien und die Schwächung einer ganzen Industrieregion.

Mit jedem geschlossenen Werk verschwinden nicht nur Produktionslinien. Es verschwinden Ausbildungsplätze, Zulieferbeziehungen, Fachwissen und Kaufkraft auf nimmer Wiedersehn. Die Folgen indes reichen weit über die Werkstore hinaus.

Eine entscheidende Frage an die Politik

Deutschland hat seine industrielle Stärke ja nicht zufällig erreicht. Jahrzehntelang waren Patentanmeldungen, Ingenieurskunst, Facharbeit, Forschung, Qualität und verlässliche Produktionsbedingungen die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Und diese Stärken sind auch nicht einfach verschwunden.

Aber sie werden zunehmend von untragbaren Rahmenbedingungen überlagert, die Investitionen erschweren und Produktionsstandorte unter Druck setzen. Es reicht deshalb nicht, bei jeder Werksschließung nur Betroffenheit zu äußern und anschließend auf den Strukturwandel – stereotyp – zu verweisen.

Wir brauchen Antworten:

  • Warum sind industrielle Energiekosten international nicht wettbewerbsfähig?
  • Warum werden Unternehmen durch Bürokratie und Genehmigungsverfahren ausgebremst?
  • Warum fehlt es an verlässlichen und langfristig kalkulierbaren Rahmenbedingungen?
  • Wie soll die industrielle Wertschöpfung erhalten bleiben, wenn die Produktion immer häufiger anderswo stattfindet?
  • Und welche konkreten Maßnahmen ergreift die Politik, damit Deutschland wieder ein attraktiver Investitionsstandort wird?

Eine Industrienation kann nicht dauerhaft davon leben, dass ihre Unternehmen ihre Zukunft im Ausland aufbauen und hierzulande nur noch die Folgen verwaltet werden.

Gerade auch der Fall Dortmund-Dorstfeld ist deshalb weit mehr als eine lokale Wirtschaftsmeldung. Er ist ein weiteres Warnsignal. Die Bundesrepublik Deutschland muss sich jetzt entscheiden, ob es auch künftig weiter ein Land der Produktion, der Entwicklung und der industriellen Wertschöpfung sein will, oder sich auf dem Weg zu einem Entwucklungsland befindet.

Oder ob wir irgendwann ultimativ feststellen müssen, dass wir zwar noch über unsere einstige industrielle Stärke sprechen – aber die Arbeitsplätze, das Know-how und die Investitionen längst woanders sind.


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