Schlotterbeck und kein Ende

Schlotterbeck und kein Ende

Muss er wirklich „unbedingt“ bleiben?

Megavertrag, oder Abgang – bei der geplanten Vertragsverlängerung von Nico Schlotterbeck gilt scheinbar nur die Devise: Barfuß oder Lackschuh!

„Für Dortmund wäre es Gold wert, wenn er unterschreibt“ sagt TV-Experte Stefan Effenberg in der Kultsendung „Doppelpass“ und macht damit deutlich, was den BVB-Fans durch den Kopf spukt. Goldene Zukunft also nur mit Nico Schlotterbeck?

Doch es war vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders. Es begann nicht mit Pfiffen, sondern mit diesem vernehmbaren Raunen. Im Westfalenstadion hört man es sofort – diesen Moment, in dem 80.000 Menschen gleichzeitig spüren: Jetzt bitte keinen Fehler. Und genau dieses Gefühl begleitete uns bei den Leistungsschwankungen des heute ach so begehrten Innenverteidigers in der vergangenen Saison 2024/25 auffallend oft.

Dabei ist das Paradoxe: Nico Schlotterbeck steht sinnbildlich für das, was Borussia Dortmund eigentlich sein will. Mutig im Aufbau, aggressiv im Zweikampf, laut in der Ansprache. Ein moderner Innenverteidiger, der nicht nur verteidigt, sondern gestaltet. Und doch häuften sich genau bei ihm die Szenen, die Zweifel säten an seiner wirklichen Klasse. Zu viele riskante Pässe im ersten Drittel. Unnötige Vorstöße ohne Absicherung. Unnötige Fouls, die nicht nach Notwehr aussehen, sondern nach Überforderung. Platzverweise, die ein ohnehin instabiles Team zusätzlich destabilisieren. In einer Saison, in der Dortmund nach Führung und Klarheit sucht, lieferte Schlotterbeck zu oft das Gegenteil: Unruhe.

Besonders kritisch wird es bekanntlich dort, wo Anspruch und Leistung auseinanderdriften. Schlotterbeck forderte mehrmals öffentlich Mentalität, Mut und „Guts“. Worte, die sitzen – vor allem bei den Mitspielern. Doch genau diese Worte fallen ihm exakt dann auf die Füße, wenn sein eigenes Spiel von Nervosität und Verhaltensfehlern geprägt ist. Und, um es gleich vorweg zu nehmen: ja, auch Führungsspieler dürfen Fehler machen, doch sie sollten ihre eigene Leistung aber noch vor allen anderen kritisch reflektieren!

Das Raunen im Westfalenstadion

Wer führen will, muss vorangehen! Wer laut ist, wird an Fehlern doppelt gemessen. Die Fans spüren das. Und sie reagieren. Nicht hasserfüllt, nicht unfair – sondern eben skeptisch. Das Raunen nach mißglückten Ballannahmen, das tiefe Einatmen bei jedem riskanten Pass (vor allem mit Kobel), die Ungeduld bei der nächsten unnötigen Aktion. Es ist natürlich kein Urteil, eher ein Warnsignal: Wir glauben an dein Potenzial, aber nicht an diese Form. Natürlich wäre es auch zu einfach gewesen, nur Schlotterbeck zum Sündenbock zu machen.

Kann der BVB bald wieder Meisterschaften gewinnen?

Borussia Dortmunds Probleme sind strukturell, mental, taktisch. Doch gerade deshalb steht so ein Spieler wie er immer im Fokus. Weil er deutlich mehr sein will als nur ein Mitläufer. Weil er sich, als Vizekapitän, selbst als „Führungsspieler“ definiert. Und weil Führung in Dortmund immer auch Verantwortung vor der Südtribüne bedeutet. Am Ende bleibt daher jetzt nur eine offene Frage: zögert Nico Schlotterbeck aktuell, weil er (die Kaderplanung kritisch betrachtend) – als Team – stark genug sein will, um Titel zu gewinnen? Wir alle wünschen uns lange schon wieder mehr Krativität bei Transfers und gerade diesbezüglich ist das Führungsduo Ricken/Kehl absolut in der Bringschuld.

Ein millionenschwerer Vertragsentwurf, so hört man, liegt dem gebürtigen Waiblinger vor – eine Ausstiegsklausel ab 2027 soll inkludiert sein. Dass die Familie sich mehr zum FC Bayern hingezogen fühlt, ist sicher mehr als nur ein Gerücht. Doch anders als bei Augsburgs Werben um Bruder Kevin sieht die Einladung des BVB an Nico werthaltiger aus: Er soll nicht weniger als „das Gesicht“ des ambitionierten Traditionsclubs der nächsten Jahre werden. Statistisch und qualitativ gilt Schlotterbeck mit seiner hohen Passbeteiligung und den diagonalen Verlagerungen beim Offensivspiel aus der Defensive als einer der interessantesten Defensivspieler Europas und ist folgerichtig Bestandteil von Deutschlands WM-Kader bei Julian Nagelsmann.

Keine Frage, „Schlotti“ hat das Zeug, seine bereits vorhandene Beliebtheit in einen »Legendenstatus« zu transformieren. Aber es liegt am ihm: will er Teil der Lösung sein, oder innerer Unruheherd, der durch sein Zögern am Ende gar das Mannschaftsgefüge destabilisiert? Die riesige BVB-Fan-Gemeinde hat darauf noch keine eindeutige Antwort erhalten. Aber sie hören genau hin. Und sie verzeihen sehr viel weniger als früher.


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