Eine Fanfreundschaft, die Geschichte schrieb

14. August 1976. Volksparkstadion Hamburg.

Der HSV ist der große Favorit. Hamburg träumt von der Meisterschaft. Borussia Dortmund dagegen befindet sich nach vier erniedrigenden Jahren in der Zweitklassigkeit auf dem Weg zurück zu alter Größe. Der BVB ist gerade erst wieder in der Bundesliga angekommen – und dann das: Hamburger SV – Borussia Dortmund 3:4

Ein Wahnsinnsspiel. Ein Ausrufezeichen. Und vielleicht, ohne dass es damals irgendjemand ahnte, der Auftakt zu einer Geschichte, die weit über 90 Minuten Fußball hinausgehen sollte.

Rund 10.000 Dortmunder sind an diesem Augusttag in die Hansestadt gereist. Viel Schwarz und Gelb mischt sich am Volkspark unter Blau und Weiß. Und nach dem Abpfiff passiert etwas, das heute fast schon wie aus einer anderen Fußballwelt klingt: Dortmunder und Hamburger feiern – gemeinsam. Auf St. Pauli, in den Kneipen rund um den Kiez, wird nicht nur über das 3:4 gesprochen. Man trinkt und singt zusammen, lacht zusammen, diskutiert über Fußball – und stellt fest, dass man sich verdammt gut versteht.

Das Ergebnis? Irgendwie Nebensache. Denn an diesem Tag beginnt etwas, das sich nicht auf einer Anzeigetafel ablesen lässt. Eine Freundschaft, die über die Jahre gesehen vielen Belastungsproben ausgeliefert werden sollte – und doch lebt sie bis heute. Viele Kuttenträger, die sinnbildlich noch für den alten Fußball stehen, würdigen am Rande der vielen modernen Spieltagsevents diese Jahre mit einem gemeinsamen Bier.


Die Rückkehr der alten Borussia

Werfen wir einen Blick zurück: Borussia Dortmund hatte gerade verdammt schwierige Jahre hinter sich. Der Club war abgestiegen, war ausgebrannt und hatte die erfolgreiche Zeit aus den Köpfen der Menschen durch bescheidene Darbietungen verdrängt. Jetzt aber, dank des Essener „Derwisch“ Otto Rehhagel hatte sich der „Malocherclub“ zurückgekämpft und war nun wieder dort, wo er nach Meinung seiner schon damals riesigen Fangemeinde auch hingehörte: in die Bundesliga, der Deutschen liebstes Kind.

Und die Borussia kam nicht, um sich einfach nur im Oberhaus wieder einzurichten. Sie kam mit einer Mannschaft, die nach Aufbruch roch. Die Zeiten als die „terrible twins“ Lothar Emmerichs und Siggi Helds die Gegner das fürchten lehrten, waren nunmehr ein Kapitel in den Geschichtsbüchern. Jetzt sollte eine neue Generation den Mythos Borussia Dortmund wiederbeleben. Auch wenn das tatsächliche „Wachküssen“ noch bis zum 24.Juni 1989 dauern sollte – ein erster Spatenstich wurde tatsächlich in Hamburg 1976 gesetzt.

Im Angriff standen Namen, die den Fußball jener Jahre prägen sollten: Lippens. Kostedde. Burgsmüller. Geyer. Eine Mannschaft mit Charakter, Ecken und Kanten. Mit Spielern, die Fußball nicht als Hochglanzprodukt verstanden, sondern als Arbeit, Leidenschaft und manchmal auch als ziemlich dreckiges Handwerk. Allen war anzumerken: Der BVB wollte zurück ins Rampenlicht der Eliteklasse. Und wie könnte man dieses Vorhaben besser ankündigen als mit einem (wenn auch etwas glücklichen; Willi Reimann traf noch die Latte Sekunden vor Schluss) 4:3 beim HSV im Volksparkstadion?

Zeitzeugen wie Sky-Moderator Hansi Küpper (wie der Autor damals mit „15“ zarten Lenzen mittendrin statt nur dabei) erinnern sich nur allzu gerne an diese Euphorie, die man kaum mit Händen greifen und der sich einfach keiner entziehen konnte. Damals fuhren tatsächlich noch prallvolle Sonderzüge in vier Stunden nach Stillhorn. Die feuchtfröhliche Stimmung in den Waggons allerdings suchte ihresgleichen…

Und dann war da Hamburg

Wer damals dabei war, erinnert sich nicht nur an das Spiel, sondern oft auch an die Menschen drumherum. An die vielen Autos auf der A 1, die schwarzgelben Schals aus den Fenstern. An die geilen Gesänge dieser Zeit („Und so schlugen wir nach altem Brauch…“) An frisch gezapfte Stößchen in Erbse’s Kneipe und an volle Kneipentische im „Kügelchen“ am Borsigplatz. Und vor allem an eine Atmosphäre der Freundschaft, die im heutigen verkommerzialisierten Fußballgeschäft nur noch ganz selten zu finden ist.

Man konnte Gegner sein, ohne Feind sein zu müssen. Vereint ging(!) man vom Borsigplatz zum Stadion Rote Erde zu Fuß. Bei einem letzten gemeinsamen „Scheidebecher“ wünschte man sich ein gutes Spiel – welches beide Teams eigentlich mit ihrer offensiven Spielweise immer garantierten. Anschließend soff man weiter und mach einer verpasste seine Rückfahrt.


50 Jahre später…

Was 1976 vielleicht als außergewöhnlicher Auswärtsnachmittag begann, wurde über die Jahrzehnte zu einer der bemerkenswertesten Fanfreundschaften im deutschen Fußball. Dies zumal, weil diese Freundschaft praktisch ruhte. Beide Seiten waren längst fremd gegangen, der HSV flirtete mit Bielefeld, Borussia feierte mit Freiburg… Trotzdem gab es unter den Oldtimern (Kutten) in beiden Lagern noch immer Befürworter. Hier sah man noch Glanz in den Augen, wenn von 1976/77 gesprochen wurde, denn auch das Rückspiel am 15. Januar 1977 hatte bei einem Aufsehen erregenden 4:4 reichlich Spektakel zu bieten.

Das alles dürfte Grund genug sein für einen Parforceritt durch fünf Jahrzehnte schwarz-blau/schwarz-gelber Fußballgeschichte. Ausgehend von einer Zeit, in der Fußball noch nach Bier, Bratwurst und Zigarettenrauch roch, bis er sich zur Gegenwart der Smartphones, Streaming-Abos, VIP-Logen und nervraubendem VAR-Irrsin wandelte.

Aber eines ist bis heute geblieben: Schwarzgelb und Rothosen und eine Freundschaft, die inzwischen selbst ein Stück Fußballgeschichte geworden ist. Doch gelebt wurde sie nicht (mehr). Aki Watzke würde sagen, „der Patient lag im Vorraum der Pathologie“ als sich im April 2011 in Hamburg ein besonderes Treffen ergab. Die HSV-er Bernd Stürmer, Peter Knaack, Lasy und Kirsten Reikowsky, Wally und die BVB-Freunde Michael Bolte und Jost Schmidt waren zusammen gekommen und erweckten kurzerhand den eingestabten Glanz.

Einige „Fußballromantiker“ aus dem Umfeld der Krawattenfront’87 bzw. der Sammlerszene beschlossen daraufhin im Spätsommer 2011 im Garten von „Manni“ Weiß in Dortmund diese romantische Geschichte fortschreiben zu wollen. Seither gab es unzählige Zusammenkünfte – auch außerhalb des Spielgeschehens. Ja, es sind vor allem die „Kutten“, die ihre Rituale gemeinsam zelebrieren. Und wer mal die Kuttentaufe eines Neulings von „Panik“ erlebt hat weiß, dass „HSV & BVB“ nicht kaputtzukriegen sein wird.

Lasst uns deshalb kurz 50 Jahre zurückgehen. Und noch einmal eintauchen in eine Zeit, in der Fußball vor allem eines war: unser Fußball.

Mitte: Bernd Stürmer (HSV) und Michael Bolte (BVB) – zwei Urgesteine einer tollen Freundschaft (hier vereint im Happy Happs Dong Dong auf der Hohen Straße in Dortmund im Jahre 2014)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert