Gerhard Schröders Aussagen über die gescheiterten Ukraine-Verhandlungen verdienen eine ernsthafte Prüfung. Nicht, weil ein Altkanzler automatisch recht hat. Sondern weil die Frage nach verpassten Friedenschancen zu wichtig ist, um sie im politischen Lagerkampf zu begraben. Ich habe als Soldat geschworen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. So lautet der Kern meines Diensteides nach § 9 Soldatengesetz.

Für mich war das kein Versprechen, Krieg leichtzunehmen.
Es war ein Versprechen, Verantwortung zu übernehmen.

Gerade deshalb will ich keinen Krieg mit Russland. Und gerade deshalb erwarte ich von einer deutschen Regierung mehr als durchschaubare Durchhalteparolen, plumpe Abschreckungsrhetorik und die jeweils nächste Erklärung, warum Verhandlungen angeblich noch nicht „aussichtsreich“ genug seien (worauf will man denn noch warten?).

Ich erwarte eine nachvollziehbare Strategie, wie dieser Krieg beendet und eine direkte militärische Konfrontation verhindert werden soll. Nicht irgendwann. Sondern als tägliche politische Aufgabe.

Die Frage, die bleiben muss

Gerhard Schröder hat eine unbequeme Behauptung aufgestellt: Bei den Verhandlungen im Frühjahr 2022 hätten die Ukrainer keinen Frieden vereinbart, „weil sie nicht durften“. Sie hätten zunächst bei den Amerikanern nachfragen müssen. Im Interview mit der Berliner Zeitung sagte er außerdem:

„Mein Eindruck: Es konnte nichts passieren, denn alles Weitere wurde in Washington entschieden.“

Das ist eine schwerwiegende Aussage. Schröders persönliche Nähe zu Wladimir Putin ist für die Bewertung seiner Perspektive relevant.

Welche Gespräche fanden statt? Welche Vorschläge lagen vor? Welche Bedingungen waren noch offen? Welche Rolle spielten Washington, London, Moskau und Kiew? Wer war zu welchen Zugeständnissen bereit – und wer nicht? Diese Fragen sind kein Verrat an der Ukraine. Sie gehören zur politischen Aufarbeitung eines sinnlos gewordenen Krieges.

Istanbul war eine reale Chance
– aber kein fertiger Frieden

Dass im Frühjahr 2022 ernsthaft verhandelt wurde, ist dokumentiert. Ende März entstand das Istanbuler Kommuniqué. Anschließend arbeiteten die Delegationen an weiteren Vertragsentwürfen. Im Mittelpunkt standen eine mögliche ukrainische Neutralität und internationale Sicherheitsgarantien.

Das verdient mehr Aufmerksamkeit, als es in einer Debatte erhält, die häufig nur zwei Möglichkeiten kennt: weiterkämpfen oder kapitulieren.

Aber zur Wahrheit gehört auch: Ein fertig ausgehandelter, von allen Beteiligten akzeptierter Friedensvertrag lag zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht vor. Gerade die Sicherheitsgarantien waren keine Nebensache. Die Ukraine wollte verbindliche Hilfe im Fall eines erneuten Angriffs. Russland und die Ukraine hatten dazu unterschiedliche Vorstellungen; außerdem hätten die vorgesehenen Garantiestaaten selbst zustimmen müssen.

Diese offenen Fragen machen die damaligen Gespräche nicht bedeutungslos. Sie machen jedoch die Behauptung unhaltbar, man habe lediglich einen fertigen Frieden unterschreiben müssen. Wer ernsthaft aus Istanbul lernen will, muss beides anerkennen: Es gab diplomatische Bewegung wie lange nicht mehr.

Boris Johnson: Einfluss untersuchen, die Geschichte nicht verkürzen

Besonders häufig fällt in diesem Zusammenhang der Name Boris Johnson. Der ukrainische Verhandlungsführer Dawyd Arachamija berichtete später, Johnson habe nach der Rückkehr der Delegation aus Istanbul gesagt, man solle absolut nichts unterschreiben und weiterkämpfen. Diese Darstellung ist relevant und verdient eine genaue Einordnung!

Sie beweist, dass Johnson einen nahezu gesicherten Frieden eigenmächtig nicht nur verhindert, sondern sogar sabotiert hat.

Ein wichtiger chronologischer Punkt wird dabei häufig übergangen: Nach Johnsons Besuch in Kiew am 9. April 2022 wurden weitere Vertragsentwürfe bearbeitet. Ein dokumentierter Entwurf trägt das Datum 15. April. Die Formel „Johnson kam, und die Verhandlungen waren sofort vorbei“ beschreibt den Ablauf daher nicht korrekt.

Damit ist die Frage nach westlichem Einfluss mitnichten erledigt.

Haben westliche Regierungen eine schwierige Verhandlungslösung ausreichend unterstützt? Waren Briten und Franzosen bereit, die dafür notwendigen Garantien zu übernehmen? Oder setzten sie stärker auf eine Verbesserung der militärischen Lage zu Gunsten der Ukraine? Darüber muss gesprochen werden dürfen – anhand von Dokumenten und diplomatischen Aussagen.

Frieden braucht keine erfundenen Beweise

Gerade wer einen konsequenten Friedenskurs fordert, sollte bei seinen Quellen besonders genau hinschauen. Mittlerweile gibt es belastbare Dokumente. In dem Schröder-Text stehen Formulierungen wie „System zur Verlängerung des Krieges“ und „Diktatur der öffentlichen Meinung“. Hinzu kommen geheime US-Memos und geheime Treffen, deren Inhalt vieles offenbart.

Die belegten Verhandlungen, die offenen Sicherheitsfragen und Schröders tatsächlich dokumentierte Vorwürfe reichen aus, um politische Rechenschaft zu verlangen. Eine Friedensposition wird nicht stärker, wenn sie alles übernimmt, was ihre Empörung bestätigt.

Auch „Nord Stream“ verlangt Genauigkeit

Dasselbe gilt für die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Die Bundesanwaltschaft hat am 30. Juni 2026 Anklage gegen einen – oh Wunder – ukrainischen Staatsangehörigen erhoben. Im August folgte die Festnahme eines weiteren Verdächtigen. Gegenstand sind konkrete strafrechtliche Vorwürfe im Zusammenhang mit der Sprengung der Leitungen. Zu hören gibt es diesbezüglich wenig von den Systemmedien.

Weitergehende politische Verantwortlichkeiten sind damit nicht abschließend geklärt. Aber gerade deshalb muss die Forderung lauten: konsequente Aufklärung, rechtsstaatliches Verfahren und politische Konsequenzen auf Grundlage belastbarer Ergebnisse. Dass ist die Mindesanforderung des Souveräns!

Russland trägt Verantwortung – und Diplomatie bleibt notwendig

Der russische Angriff auf die Ukraine ist der Ausgangspunkt dieses Krieges. Wer Frieden fordert, sollte diese Verantwortung ebenso wenig verwischen, wie er die Entstehung 2014 unterschlagen darf.

Im November 2013 begannen die Euromaidan-Proteste. Auslöser war, dass Präsident Janukowytsch das Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU nicht unterzeichnete und sich stattdessen Russland zuwandte. Im Februar 2014 wurde er gestürzt, nachdem bei von Außen geschürten Krawallen und deren gewaltsamer Niederschlagung der Proteste in Kiew viele Menschen getötet worden waren. Im Donbass begannen „prorussische“ und gegen die neue aus Brüssel gesteuerte Regierung gerichtete Proteste.

Eskalation (April 2014)

  • Bewaffnete Gruppen besetzten Verwaltungs- und Sicherheitsgebäude in Donezk, Luhansk und anderen Städten.
  • Anfang April riefen Separatisten die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk aus.
  • Die Kiewer Regierung reagierte mit einer „Anti-Terror-Operation“. Daraus entwickelte sich ein bewaffneter Konflikt. Bis 2019 starben nach UN-Schätzungen rund 13.000 Menschen.

Die Gründe, die genannt werden müssen…

  1. Soziale und regionale Entfremdung. Der Donbass ist eine Industrieregion mit traditionell starker Bindung an Russland. Viele Bewohner fürchteten wirtschaftliche Nachteile durch die EU-Orientierung. Hinzu kam ein Gefühl des Verrats durch Kiew, etwa durch die Auflösung der Berkut-Polizeieinheit, die in dieser Region „Heldenstatus“ hatte. Eine Umfrage vom März/April 2014 ergab, dass 58 % im Donbass „Autonomie“ innerhalb der Ukraine wollten, 31 % sogar eine Abspaltung.
  2. Machtwechsel in Kiew. Das Lager um Janukowytsch, dessen Hochburg der Donbass war, verlor infolge des Umsturzes die Macht. Für weite Teile der Bevölkerung sah der Machtwechsel wie ein illegitimer „Putsch“ aus, für andere war es gar eine Revolution.
  3. Russische Unterstützung. Hier liegt der Hauptstreitpunkt. Russland stellt den Konflikt als „innerukrainischen“ Bürgerkrieg dar und sieht die Ursachen vor allem auch in der NATO- und EU-Osterweiterung. Der Westen und die Ukraine werfen Moskau vor, die Separatisten verdeckt mit Kämpfern und Waffen unterstützt und den Konflikt angeheizt zu haben. Igor Girkin („Strelkow“), zeitweise „Verteidigungsminister“ der DNR, sagte später selbst, er habe den „Auslöser zum Krieg“ gedrückt. Die Annahme, hier habe nur ein spontaner Aufstand der Bevölkerung stattgefunden, gilt in der Forschung weitgehend als widerlegt.

Aber die Verantwortung festzustellen beantwortet noch nicht, wie das Sterben beendet werden kann!

Gespräche mit Russland können ein notwendiges Mittel sein, um Waffen zum Schweigen zu bringen, Gefangene auszutauschen, Zivilisten zu schützen und weitere uferlose Alimentierungen zu verhindern.

Das Bundesfinanzministerium bezifferte die bilaterale zivile Unterstützung Deutschlands für die Ukraine zum 30. Juni 2026 auf mehr als 43,3 Milliarden Euro. Hinzu kamen rund 57,6 Milliarden Euro militärische Unterstützung – zusammen sind das rund 100,9 Milliarden Euro. Zu viel für ein „weiter so!“

Wer diese Politik kritisiert, ist nicht automatisch „Putin-Freund“, unsolidarisch oder gleichgültig gegenüber dem Leid der Ost-Ukrainer. Die Umfragen zeigen, dass die Unterstützung keineswegs grenzenlos ist. Laut dem INSA-Meinungstrend vom Oktober 2026 wünschen sich 53 Prozent eine geringere finanzielle Unterstützung der Ukraine. 23 Prozent wollen das bisherige Niveau beibehalten.

Wer eingedenk dieser Zahlen belastbare Sicherheitsgarantien verlangt, denkt deshalb nicht gegen den Frieden. Er fragt, wie ein Frieden endlich erreicht werden kann.

Wer „Durchhalten“ verlangt, muss das Ziel erklären

Eine Regierung darf militärische Unterstützung für notwendig halten. Dann muss sie aber erklären, welches politische Ergebnis sie damit erreichen will. Welche Bedingungen würden Verhandlungen ermöglichen? Welche Risiken nimmt sie in Kauf? Wann müsste sie ihre Strategie verändern? Und welche diplomatischen Schritte unternimmt sie selbst, um Frieden zu erreichen?

„So lange wie nötig“ beschreibt eine Dauer, aber noch keinen überprüfbaren Weg.

Auch die Gegenposition muss Antworten liefern. Ein sofortiger Unterstützungsstopp garantiert keinen Frieden. Er könnte die Ukraine militärisch schwächen und ihre Verhandlungsposition verschlechtern. Wer ihn fordert, muss sich mit diesen möglichen Folgen auseinandersetzen.

Politische Verantwortung beginnt dort, wo beide Seiten ihre Versprechen an der Wirklichkeit messen lassen. Der entscheidende Maßstab sollte sein: Welche Politik bietet die beste begründbare Aussicht, weiteres Sterben zu begrenzen, Sicherheit zu schaffen und eine direkte Konfrontation zu verhindern?

Mein Eid ist kein Schweigegelübde

Aus dem soldatischen Eid folgt keine bestimmte parteipolitische Position. Er schreibt weder Zustimmung zu jeder Waffenlieferung noch deren grundsätzliche Ablehnung vor. Aber für mich folgt daraus eine persönliche Verpflichtung: nicht gleichgültig zu werden, wenn über militärische Risiken gesprochen wird.

Natürlich will auch ich Deutschland verteidigungsfähig sehen. Und ich will, dass seine Regierung die Vermeidung eines Krieges mit Russland ebenso ernst nimmt wie die Vorbereitung auf mögliche Bedrohungen.

Das ist für mich kein Widerspruch!

Verteidigungsbereitschaft darf Diplomatie nicht ersetzen.
Friedensbereitschaft darf Sicherheitsfragen nicht verdrängen.
Wer nur das eine gelten lässt, macht sich die Welt zu einfach.

Ein Appell an alle, die keinen Krieg mit Russland wollen

Wir müssen nicht in jeder historischen Bewertung übereinstimmen, um gemeinsam mehr Diplomatie zu verlangen. Wir müssen Gerhard Schröders Deutung nicht vollständig teilen, um eine gründliche Aufarbeitung der Verhandlungen von 2022 zu fordern. Und wir müssen nicht jede Entscheidung der ukrainischen Regierung unterstützen, um anzuerkennen, dass die Menschen in der Ost-Ukraine Sicherheit und eine Zukunft verdienen.

Deshalb sollten wir von der Bundesregierung verlangen:

  • Eine öffentliche, nachvollziehbare diplomatische Strategie neben der militärischen Unterstützung.
  • Eine sachliche Aufarbeitung der gescheiterten Verhandlungen von 2022 und des Einflusses aller beteiligten Regierungen.
  • Verlässliche „Gesprächskanäle“ zur Verringerung von Eskalationsrisiken.
  • Konkrete Initiativen für überprüfbare Vereinbarungen zum Schutz von Zivilisten und zur Begrenzung der Kampfhandlungen.
  • Eine Debatte, in der Friedensforderungen nicht pauschal als Parteinahme für Moskau und Sicherheitsbedenken nicht pauschal als Kriegslust abgewertet werden.
  • Mehr Unterstützung von US-Präsident Trump bei seinen Vermittlungsbemühungen.

Nicht an den Krieg gewöhnen

Das Gefährlichste wäre, den Krieg irgendwann nur noch zu verwalten: die nächste Lieferung, die nächste Drohung, die nächsten Opferzahlen… Politik muss mehr können. Sie muss militärische Realitäten ernst nehmen, ohne diplomatische Möglichkeiten vorschnell abzuschreiben. Sie muss vergangene Entscheidungen überprüfen, ohne aus jeder offenen Frage eine Verschwörung zu machen. Und sie muss ihren Bürgern erklären, wie sie Frieden erreichen will – nicht nur, wie sie den nächsten Kriegsmonat begleitet.

Ich habe geschworen, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Gerade deshalb verlange ich Friedenspolitik.

Nein, nicht um jeden Preis. Aber mit einem Ernst, einer Ausdauer und einer Entschlossenheit, die der Gefahr dieses unkalkulierbaren Krieges für Europs gerecht werden.


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