5. Tag (Montag) – Griechenland und Zypern

Mit einem kurzen Zwischenstopp nahe Thessaloniki, wo wir vorzüglich und gut betreut speisten, steuerten wir diese gigantisch große Hauptstadt Griechenlands am frühen Abend an. Das Verkehrsaufkommen erschlug einen förmlich. Rund 850 Kilometer hatten wir hinter uns gelassen und da lag er nun vor uns: Der Hafen von Piräus! Noch in der Nacht fanden wir das Gate 11, von wo aus die Linienfähre nach Limassol ablegt, doch wir ahnten nicht, dass es keine Tickets in nächster Zeit geben würde für uns.

Wir mussten nun etwas ausruhen. Die herkömmlichen Tipps hatten wir gecheckt und es war nirgends was frei. Das „Olympic Hotel“ nahm uns schließlich auf und hatte sogar eine formidable Parkmöglichkeit hinterm Haus auf dem durch eine Schranke geschützten Hof zu bieten. Einige Stunden später am Dienstag fuhren wir in den Hafen, um uns durchzufragen bei den Büros der Reiseunternehmen. Das hört sich leichter an, als es ist. Jeder hat da irgend eine Aufgabe und macht irgend etwas, aber niemand das, was wir brauchen. So ist z.B. die Fähre der Reederei „Scandro Holding“ beispielsweise gar nicht vertreten und die angegebene Partner-Agentur „Kouridakis Maritime Agency Ltd.“ haben wir weder gefunden, noch ging da irgendwer ans Telefon. Man fragt sich da schon, wie die Griechen so ihre Geschäfte machen, wenn sie nie und nirgends erreichbar sind.

6. Tag (Dienstag) – Griechenland und die unendliche Geschichte

Wir beschlossen, den Rummel der Großstadt einstweilen zu verlassen und im Umfeld in Ruhe „Markt und Möglichkeiten“ zu sondieren. Es muss wirklich niemand meinen, dass es „Freude“ bereitet, mit einem so langen Monster-Van durch die engen Gassen von Piräus zu kutschieren. Besonders wo es so gut wie keine Parkplätze gibt. Am Ende einer gezielten Suche landeten wir im Hotel Acharnis Kavallari. Es liegt am Fuße des Berges Parnitha in Acharnes und bot uns zunächst einmal allerlei Leckerbissen.

Direkt vor der Tür stand ein hellblaues US-Oldsmobile der Marke Chevrolet Bel Air im 50er Jahre Style und im Vorraum des Foyers stand ein schwarzes BMW-Motorrad mit Beiwagen aus den 70ern bzw. eine Oldschool Original Wurlitzer Juke Box. Die illustere Ansammlung an (allerdings reparaturbedürftigen) Fahrzeugen hinter dem Haus (u.a. ein BMW 1602, das Basismodell der legendären 02er-Baureihe E10 mit 1,6-Liter-Vierzylindermotor) ließ darauf schließen, dass es sich beim Hotel-Besitzer um einen absoluten Automobil-Liebhaber handeln musste. Übrigens: Der Pool auf der Rückseite konnte sich ebenfalls sehen lassen und erlaubte eine friedliche Erholung.

7. Tag (Mittwoch) – Griechenland und die Dauerschleife

Währenddessen versuchte ich weiter eifrig an eine Fährverbindung zu kommen nach Zypern, nachdem mehrere Versuche, die „Scandro Holding“ online zu buchen, an der Größe unseres Van gescheitert waren (eine entsprechende Mail, die nach einer Woche einging, belegte das jedenfalls). So verlor ich erst den Dienstag, dann den Donnerstag durch nicht final abgeschlossene Buchungsvorgänge, denn diese Fähre ist verdammt beliebt.

9. Tag /Freitag) – Griechenland und die Suche nach Lösungen

Wir konzentrierten uns nun auf die Trennung von Auto und Personen. Unsere nächste Spur war tatsächlich die „Salamis Line Cyprus“, die zwei Mal die Woche vom Hafen Lavrio (ca. 70 km von Piräus entfernt) gen Zypern starten soll. Kontakt bekam ich via freightlink.co.uk, eine Maklergesellschaft, die im englischen Preston sitzt, mit Frau Alexandra Dawe. Sie ist Sales Executive für Germany und Austria und ich konnte mit ihr deutsch sprechen bezüglich der Formalitäten am dahin rinnenden Freitag.

10. Tag (Samstag) –
Griechenland und neue Hoffnung

Am Samstag fuhren wir also die 50 Kilometer raus nach Lavrio, um uns vor Ort ein Bild zu und ggf. mit Fright-Agents oder Verschiffungsfirmen zu sprechen. Das Ergebnis war ernüchternd! Mehre bekannte Büroeinheiten vor Ort waren besetzt und hilfsbereit, nur das Büro von „Salamis Line Cyprus“ war verrammelt und es sah so aus, als ob schon länger. Kardinalfrage: Wie aber sollen wir Informationen einholen, wenn niemand vor Ort ist?

Wieder zurück ins Hotel. Die nächste Chance ergab sich schon am Samstagnachmittag. Mit freundlicher telefonischer Unterstützung des griechisch sprechenden Hotel-Personals gelang es tatsächlich an einem Samstag einen Agent von „Cyprus Seaways“, einem „Moving and Storage Service“, der spezialisiert auf Transporte zwischen Griechenland und Zypern ist, an die Strippe zu kriegen. Dieser notierte die erforderlichen Kenngrößen (Name, Kfz, Reiseziel, Ladung, etc.) und versprach am Sonntag zurückzurufen und mitzuteilen, wohin wir das Fahrzeug bringen sollten, doch dieser Anruf erfolgte nicht. Nach erneutem Nachhaken unserer energischen Hotelfrau in Landessprache kam am Montag erneut eine Verbindung zustande zur Fährgesellschaft.

Diese versprach, am Dienstagmorgen ein Angebot bzw. einen Preis zu formulieren. Inzwischen hatten wir das Dingen umgedreht und in Limassol bei einer Spedition nachgefragt, die ausschließlich nach Athen/Piräus fährt. Auch da erwarteten wir im Laufe des Tages ein Angebot, welches nicht kam. Ja, wer deutsche Zuverlässigkeit gewohnt ist, wird von griechischer laissez-faire schnell auf den Boden der Realität zurückgeholt. Und so verrann Tag um Tag, an dem wir nahezu untätig der Dinge harrten, die da kamen (oder eben auch nicht).

Eine quälende Zeit der Ungewissheit legte sich auf unser Gemüt und erzeugte eine belastende Schwere. Wenn wir das im „Europa der Vaterländer“ auch nur ansatzweise hätten erahnen können, dass man im Schiffs- und Fährverkehr tatsächlich derart an seine Grenzen stößt, hätten wir uns auf dieses Abenteuer sicherlich so nicht eingelassen. Dazu kam, dass durch die „Pulverisierung“ sämtlicher Planungen auch mein Geburtstag traurig verstrich und Ralf, einer meiner besten Freunde mit seiner Frau längst zum Überraschungsbesuch auf der drittgrößtzen Mittelmeerinsel weilte zu meinen Ehren…

13. Tag (Dienstag) – Flucht nach Zypern

Kurzum, wir mussten jetzt eine Entscheidung fällen. Noch länger „Zwangsurlaub“ im Hotel Acharnis Kavallari in Süd-Griechenland, oder wir starten eine Teil-Übersiedlung (zunächst ohne unseren Hausstand) per Flugzeug und schlafen in der angemieteten Wohnung in Südzypern. Gesagt, getan. Also buchten wir uns kurzerhand bei der „Air Cyprus“ für den Abend ein und starten per Taxi zum Flughafen Athen (Eleftherios Venizelos). Die verlockend große Gepäckmenge (28 Kg) animierte dazu, mindestens zwei große Taschen zu packen für das Notwendigste – doch die (unangenehme!) Überraschung folgte beim einchecken und es durfte mal eben 60€ Strafe nachgezahlt werden! Billigfluggesellschaften halt. Toll.

Inzwischen hatten wir auch Kontakt zu dem Salesmanager Chris Kariotis von Cyprus Seaways. Ein berühmtes deutsches Sprichwort dazu lautet: „Selig sind die langsamen, denn sie kommen auch ans Ziel“. Aber es war eine Spur. Parallel hatten wir bereits Hilfe in Zypern gesucht und Stella, die Frau unseres Immobilienmaklers Theo eingespannt, um das Pferd von hinten aufzuzäumen und ggf. eine zypriotische Frachtspedition aufzutun, doch diese Bemühungen starteten zwar furios aber endeten dann abrupt.

Doch wir waren ja zweigleisig unterwegs! Und so kristallisierte sich als anzuliefernde Location der Lavrio Port heraus. Verschiffungen nach Zypern finden in der Regel Montags und Mittwochs statt (unser Fahrzeug war für den übernächsten Montag vorgesehen). Dort angekommen, sollte man sich an Takis Papakonstantinou wenden. Das Fahrzeug musste spätestens bis 11 Uhr PM dort sein an besagtem Montag. Mitzuführen sei zwingend der gültige Kraftfahrzeugschein. Weitere Kontaktinformationen erhält man von CYCARGO SHIPPING COMPANY LTD. Gottseidank! Endlich war der (sündhaft teure!) Deal final und ein Ende der Odyssee absehbar. Lange hatte es gedauert, aber durch die Güte von ganz besonderen Menschen hatten wir jetzt endlich eine Lösung aus der Misere.

14. Tag (Mittwoch) – Zypern und alles neu

Doch plötzlich informierte mich die Spedition Cyprus Seaways: „Sie müssen zuvor noch ein amtliches Dokument ausfüllen, bevor Sie das Auto im Hafen von Limassol in Empfang nehmen. Sie können unser Büro in Zypern anrufen, um Hilfe beim Ausfüllen des Dokuments zu erhalten. Meine Antwort folgte sogleich: Ich habe mit dem Zollagenten Andreas Bartholomaios in Zypern gesprochen und der benötigt ein „T2“ -Formular, damit auf diesem Weg bestätigt wird, dass der Inhalt des Fahrzeugs ausschließlich aus Deutschland stammt und gebraucht ist. Aus dem griechischen Büro kam Entwarnung: Ilias Lamprou, der unser „Speditionsgut“ betreute, versicherte mir: „We have alrady issue T2L for the transport. Don’t worry about that“. Puh…

Das Leben in Zypern ist – wie erwartet – ein völlig anderes als man es von Deutschland gewohnt ist. Es fängt damit an, dass sie hier nicht das für uns so praktische Abbuchungsverfahren kennen und man allmonatlich seine Rechnungen (Strom/Wasser, Internet) überweist.

Auch das Einkaufen läßt manche Entbehrung erkennen. Dafür haben wir nahezu Sonnengarantie und der Strand ist nur 500 m entfernt. Auch das frische und größtenteils ungespritzte Obst und Gemüse sind eine Freude für die Sinne. Durch die ideale Nutzung aller Möglichkeiten – man switscht zwischen den beiden Teilen problemlos als Deutscher – genießt man maximales Vergnügen (doch dazu mehr an anderer Stelle).

27. Tag (Dienstag) – Das letzte Kapitel

Exakt zwei Wochen nach unserer „Flucht“ aus Griechenland ist es dann endlich gelungen, unsern Van per Fährspedition von Lavrio nach Limassol zu verschiffen. Dank Katerina und ihrem Sohn Vasilios Lazou wurde unser Auto mehr als pünktlich bereits um 8:00 Uhr am Montagmorgen an Cyprus Seaways übergeben. Damit ging auch für unser Auto das Kapitel Griechenland zu Ende.

Alles in allem hat sich unsere Auswanderung (mit allem Konsequenzen!) auf rund einen Monat hingezogen. Dass unser Budget bis an die Schmerzgrenze belastet wurde – geschenkt. Am Ende machst du einfach die Augen zu und denkst: „Puh, endlich geschafft“. Ob ich angesichts mancher Erfahrungen etwas anders gemacht hätte? Ja, sehr wahrscheinlich! Durch meine drei Jahre Inselerfahrung weiß ich nur zu gut, dass sich jeder Aufwand, um hier her zu kommen, gelohnt hat.

Fazit: Am Ende gewinnt nicht der Plan – sondern die Entschlossenheit!

Wenn uns diese Auswanderung eines gelehrt hat, dann dies: Kein Plan überlebt die Realität. Wir hatten Routen geplant, Fähren gebucht, Dokumente vorbereitet und glaubten, auf nahezu jede „Eventualität“ vorbereitet zu sein. Die Wirklichkeit hatte andere Ideen. Autopannen, Grenzprobleme, gescheiterte Einreiseversuche, verlorene Fährtickets, bürokratische Irrwege und unzählige Stunden der Unsicherheit begleiteten unseren Weg.

Doch mit etwas Abstand betrachtet waren es genau diese Herausforderungen, die unsere Entscheidung bestätigt haben. Wer auswandert, verlässt nicht nur ein Land. Er verlässt Gewohnheiten, Sicherheiten und Denkweisen. Er tauscht Vertrautes gegen Ungewissheit. Und genau darin liegt die eigentliche Prüfung. Rückblickend waren nicht die Grenzen das größte Hindernis. Nicht die Türkei. Nicht die griechischen Fährgesellschaften. Nicht die Bürokratie. Das größte Hindernis ist immer die eigene Angst vor dem ersten Schritt.

Heute, einige tausend Kilometer und unzählige Erfahrungen später, wissen wir: Die Auswanderung war keine Reise nach Nordzypern. Sie war eine Reise zu einer neuen Form von Freiheit. Ja, sie hat mehr Geld gekostet als geplant. Ja, sie hat mehr Nerven gekostet als erwartet. Ja, ich würde manches anders machen. Aber wir würden die grundsätzliche Entscheidung zu gehen immer wieder so treffen weil sie – auf Sicht – alternativlos war für den letzten Lebensabschnitt.

Und am Ende bleiben nicht die Rechnungen, die Wartezeiten oder die Probleme in Erinnerung. Am Ende bleiben die tollen Menschen, die geholfen haben, allen Sprachbarrieren zum trotz! Die unerwarteten Begegnungen. Die Geschichten, die man erlebt hat. Und das Gefühl, den Mut gehabt zu haben, sein Leben noch einmal neu auszurichten. Nach gut einem Monat voller Hindernisse stehen wir heute dort, wo wir immer hinwollten: unter der Sonne Zyperns, nur wenige Meter vom Meer entfernt. War es den Aufwand wert? Jeden einzelnen Kilometer!


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