Ein Leben zwischen Medizin, Macht und Geschichte

Vor gut einem halben Jahrhundert, im Februar 1973, trat der über parteipolitische Grenzen hinweg geachtete und von der Mehrheit seiner Landsleute aufrichtig verehrte Führer der türkisch-zyprischen Volksgruppe von der politischen Bühne ab. Wer war dieser außergewöhnliche Mann, dem im Nordteil Zyperns überall zahlreiche Gedenkstätten und Denkmäler gewidmet sind?

Seit Fazıl Küçük im Jahr 1931 als fünfundzwanzigjähriger Student erstmals öffentlich gegen Honoratioren seiner Volksgruppe opponierte, die sich allzu bereitwillig den Forderungen der englischen Administration beugten, setzte er alles daran, seine Landsleute durch Rat und Tat für die Auseinandersetzung mit dem oppressiven britischen Kolonialregime zu rüsten. Die seinerzeit grassierende griechisch-zyprische Propaganda für einen Anschluss an Griechenland („Enosis“) bildete die zweite große Herausforderung, gegen die er den politischen und gesellschaftlichen Widerstand seiner Volksgruppe mobilisierte.

An eine politische Karriere hatte Fazıl Küçük zunächst nicht gedacht. Sein Interesse galt nur der Medizin. Als Sohn wohlhabender Grundbesitzer am 14. März 1906 in Nikosia geboren, besuchte er dort sowie in Istanbul die Schule. In der Stadt am Bosporus begann er sein Medizinstudium, das er an der Medizinischen Fakultät der Universität Lausanne in der Schweiz fortsetzte und 1934 mit der Promotion zum Dr. med. abschloss. Nach seiner Rückkehr nach Zypern im Jahr 1937 eröffnete er 1938 in Nikosia seine eigene Arztpraxis, die er trotz zunehmender Inanspruchnahme durch seine politische, journalistische und soziale Tätigkeit noch viele Jahre weiterführte. Parallel dazu übernahm er eine aktive Rolle im sozialen Kampf und entwickelte sich rasch zu einer zentralen Stimme der türkischen Zyprioten.

In diesen Jahren setzte er sich entschieden für die Rückgabe der Evkaf aus den Händen der britischen Kolonialverwaltung in die Verfügungsgewalt seiner Volksgruppe ein. Für die Türken Zyperns stellte diese karitative, auf islamischem Recht beruhende Stiftung die wichtigste institutionelle und wirtschaftliche Basis dar.

Seine scharfen Angriffe auf das britische Kolonialregime veröffentlichte Küçük zunächst in der damals einzigen türkischen Tageszeitung Zyperns, Söz („Das Wort“).

1941 bzw. 1942 schuf er sich mit Halkın Sesi („Die Stimme des Volkes“) ein eigenes publizistisches Sprachrohr, das bald zum wichtigsten Medium des politischen Bewusstseins der türkisch-zyprischen Gemeinschaft wurde.

Als 1943 von britischer Seite der seit 1931 bestehende Bann über zahlreiche Bürgerrechte aufgehoben wurde, ließ sich Küçük in den anschließenden Kommunalwahlen in das Stadtparlament von Nikosia wählen. Doch dabei wollte er es nicht belassen. Noch im selben Jahr wurde er Mitbegründer der „Vereinigung der türkisch-zyprischen Minderheit“ (KATAK), die er jedoch bereits 1944 wieder verließ, um seine eigene politische Organisation zu gründen: die Türkisch-Zyprische Nationale Volkspartei (KTMHP), auch als Nationale Türkische Volkspartei Zyperns bekannt. Damit legte er den Grundstein für den organisierten politischen Kampf der türkischen Zyprioten. Später leitete er zudem die Gründung der Strength Union sowie der Widerstandsorganisationen Volkan, die dem Schutz der türkisch-zyprischen Bevölkerung vor den Angriffen der griechisch-nationalistischen Terrororganisation EOKA dienen sollten.

Mit diesem schlagkräftigen Instrument trat Küçük landesweit den Enosis-Bestrebungen entgegen und erhöhte zugleich den Druck auf die britische Kolonialmacht – sowohl in der Evkaf-Frage als auch im Hinblick auf die systematische Benachteiligung seiner Landsleute. Seine anhaltende Kritik an der von ihm als „privilegierte Clique“ bezeichneten englischen Führungsschicht brachte ihm nicht weniger als 47 Anzeigen und Gerichtsverfahren ein. Trotz aller Kritik an den häufig ungeschickt und ungerecht agierenden britischen Behörden sprachen sich Reformer wie Traditionalisten unter den türkischen Zyprioten mehrheitlich für die Aufrechterhaltung des kolonialen Status aus. Was sie jedoch forderten – und wofür Fazıl Küçük unermüdlich stritt – war eine deutliche politische und nationale Aufwertung ihrer Volksgruppe. 1946 gründete er die erste türkische Gewerkschaft auf Zypern.

1955 änderte er den Namen seiner Partei in Kıbrıs Türktür Partisi („Zypern ist türkisch – Partei“). Im selben Jahr erschien Halkın Sesi erstmals auch in englischer Sprache und informierte bis 1958 die internationale Öffentlichkeit über Anliegen, Positionen und Stimmungen der türkischen Zyprioten – ein notwendiger und vorausschauender Schritt angesichts der sich abzeichnenden historischen Umbrüche. Die Entkolonialisierungswelle hatte Zypern erreicht, die Zukunft der Insel stand zur Disposition, und internationale Organisationen befassten sich zunehmend mit der Zypernfrage.

1958 erläuterte Fazıl Küçük vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York den Standpunkt der türkisch-zyprischen Gemeinschaft. Als deren Vertreter nahm er 1959 an der Londoner Konferenz teil und gehörte zu den Unterzeichnern der Gründungsabkommen der Republik Zypern, die zuvor in Zürich vorbereitet worden waren. Mit der Staatsgründung im Jahr 1960 übernahm er das Amt des Vizepräsidenten der Republik Zypern – eine Position, die er nominell bis 1973 innehatte. 1967 wurde er zudem zum Präsidenten der türkischen provisorischen Verwaltung Zyperns ernannt.

Nach dem Scheitern des Experiments eines gemeinsamen Staates mit zwei Volksgruppen führte Küçük die türkischen Zyprioten durch Jahre großer Entbehrung, geprägt von Misstrauen, Gewalt und politischen Umbrüchen. 1973 übergab er die Führung der Gemeinschaft an Rauf Denktaş, den späteren Präsidenten der Türkischen Republik Nordzypern. Die Entwicklungen nach 1974 fanden jedoch nicht seine ungeteilte Zustimmung. In Halkın Sesi kritisierte er offen die Politik seines Nachfolgers, insbesondere die mit der Türkei abgestimmte forcierte Zuwanderung von Festlandstürken.

Schon von schwerer Krankheit gezeichnet, bekannte Fazıl Küçük am 15. November 1983, dem Tag der Proklamation der Türkischen Republik Nordzypern, er fühle sich „wie neugeboren“. In dieser Phase kam es auch zur Versöhnung mit Rauf Denktaş. Am 15. Januar 1984 verstarb Dr. Fazıl Küçük im Londoner Westminster Hospital im Alter von 78 Jahren. Er hinterließ ein Vermächtnis, das unauslöschliche Spuren im Kampf um Existenz, Würde und politische Selbstbehauptung des türkisch-zyprischen Volkes hinterlassen hat. Seine letzten Worte lauteten übrigens: „Gott erhalte und beschütze die türkischen Zyprer.“


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