Der kommende Transfersommer könnte einer der spannendsten der letzten Jahre werden – nicht wegen großer Millionen-Transfers, sondern wegen kluger Entscheidungen aus dem zweiten Regal.

In der Bundesliga-Tabelle klafft eine beachtliche Lücke zu Bayern München. Mit 11 Punkten Vorsprung an der Spitze steuern sie nahezu unvermeidbar auf ihre was weiß ich wievielte Meisterschaft zu. Zu unkonstant präsentierte sich der selbsternannte 2. Leuchtturm, Borussia Dortmund. Immerhin führt man mit 6 Punkten Vorsprung das Verfolgerfeld an – best of the rest sozusagen. Titelziele? Nahezu keine mehr, da man leichtfertig im DFB-Pokal Bayer Leverkusen im Westfalenstadion triumphieren ließ und in Bergamo nur allzu bequem dem vorhersehbaren Duell mit dem Branchenprimus aus München im Champions League Viertelfinale geradezu „meisterhaft“ aus dem Weg ging.

Die Saison für die Verantwortlichen des BVB und seine Fans wird – trotz der numerisch tollen Serie – nunmehr zum „Business as usual“ werden in den verbleibenden 7 Spieltagen. Die Amtszeit von Lars Ricken und seinem Sportchef Sebastian Kehl wird angesichts der vielen spielerisch armseligen und enttäuschenden Vorstellungen mehr denn je aus allen gesellschaftlich relevanten Kreisen kritisch beleuchtet. Eine „kreative“ Kader-Zusammenstellung jongliert zwischen Realität und Möglichkeiten nach dem „Kängeruh-Prinzip“ (große Sprünge mit leerem Beutel) und fordert ein Netzwerk mit viel Fantasie.

Kreatives Mittelfeld ist „Mörder-Baustelle“

Ein Szenario, das bereits seit vergangenem Samstagabend diskutiert wird, ist der Abgang von Julian Brandt. Der technisch versierte Mittelfeldspieler hat in seinen sieben(!) BVB-Jahren sicherlich immer immer mal wieder seine Klasse aufblitzen lassen, aber die Konstanz, die ich man von ihm erhofft und ja, auch erwartet hat, blieb leider aus. Viele recht lustlose Auftritte mussten wir mit „der Faust in der Tasche“ zur Kenntnis nehmen. Eigentlich ein Jammer für einen Spieler mit seiner Veranlagung.

Als Ersatz für ihn könne ein alter Bekannter mit einer Rückkehr zu seinem Lieblingsklub auf den Weg zu alter Konstanz finden: Jadon Sancho. Der Engländer, der bei Manchester United nach seinem Weggang ebenso wenig Fuß fassen konnte, wie in seinen Leihstationen – Ausnahme Dortmund – wäre zum Nulltarif zu haben und könnte beim BVB der Offensive mehr Dynamik verleihen. Ob eine Rückkehr bei Kehl’s zuweilen suboptimaler Transferpolitik (Rayan Cherki, Anselmino, etc.) stattfinden kann, bleibt abzuwarten, aber ist es definitiv für alle Beteiligten eine spannende Option.

Auch Justin Lerma könnte in der neuen Saison eine Rolle spielen. Das ecuadorianische Mittelfeldtalent, dass der BVB bereits 2024 – 16-jährig – von Independiente del Valle verpflichtet hat, wird nach Vollendung seines 18. Lebensjahres zur Saison 2026/27 endlich in Schwarzgelb zaubern. Diese Personalie macht ebenso Lust auf mehr, wie Kauã Prates de Almeida (17). Der Linksverteidiger kommt von Cruzeiro EC aus Belo Horizonte und es besteht die Hoffnung, dass dieser Brasilianer mehr drauf hat, als Landsmann Yan Couto, der sicherlich nie ein neuer Dedé werden wird.

Sabitzer sollte nach der WM wechseln

Der österreichische Team-Kapitän Marcel Sabitzer war einst als Führungsspieler von den Bayern geholt worden, nachdem er da kein Land gesehen hatte. Doch seine Rolle im Dortmunder Spiel blieb oft unklar. Er ist weder ein klassischer Sechser noch offensiver Taktgeber. Was man in ihm gesehen hat, bleibt schleierhaft. Dem BVB-Spiel konnte er jedenfalls zu keiner Zeit Akzente verleihen. Stattdessen wurde er brav stets für seine Laufarbeit gelobt. Nicht von ungefähr sank sein Marktwert von 25 auf 7 Mio. ab. Für einen Umbruch könnte er mit inzwischen 31 deshalb einer der Spieler sein, die Platz machen für einen „echten“ 6er.

Rayan Cherki (22), das »Genie mit Chaosfaktor« ging wegen Kehls unsäglich dilettantischer Verhandlungsstrategie an ManCity verloren! Was ein Jammer, denn kaum ein Spieler Europas verkörpert pures Talent so sehr wie dieser Franzose. Atemberaubende Dribblings. Unfassbare Technik. unberechenbarer Spielwitz. Aber auch wie „Jule“ Brandt ist er – seinem jungen Alter geschuldet – schon mal unkonstant und inzwischen unbezahlbar. Aber genau der Spielertyp, den Dortmund traditionell zähmt – und zu einem von den Fans geliebten Superstar machen würde.

Aber da wäre auch noch des argentinische Mittelfeldgehirn Alan Varela (24) vom FC Porto. Ein Spieler für Kenner. Strategisch klug. Super Spielaufbau. Defensiv stark. Der Typ Sechser, der Spiele beruhigt – etwas, das dem BVB seit Jahren fehlt. Varela ist bekannt für seine hohe Passquote (über 86 %), strategische Positionierung und präzise Balleroberung. Allerdings: Sein Marktwert liegt bei 32 Mio. Dickes Brett!

Felix Nmetcha, der sich mit Berater Tobi Alabi’s Agentur „The Talent Table“ (vertritt auch das bis zum Sommer nach Basel verliehene Juwel Julien Duranville) erst kürzlich neu aufgestellt hatte, verlängerte indessen seinen Vertrag vorzeitig um zwei Jahre bis 2030 und setzt damit weiter auf Kontinuität in seiner Entwicklung. Wie man aus internen Kreisen hört, soll auch eine Schlotterbeck-Verlängerung an den Verbleib des gebürtigen Hamburgers geknüpft gewesen sein. Nun kann er ja nachziehen.

»Chuki« ist jetzt Nationalspieler

Und was ist denn eigentlich Carney Chukwuemeka, der „Neue“ für das österreichische Nationalteam? Der englisch-nigerianische Mittelfeld-Dynamo des BVB (22) ist vom Spielstil her ein moderner Box-to-Box-Allrounder mit Chelsea-Akademie-Politur. Physisch stark (77 kg), rechtsfüßig, athletisch – auch er könnte, mit einer voll belastbaren Saisonvorbereitung ein Aktivposten sein – vor allem, wenn er eine gute WM gespielt hat.

Als Karim Adeyemi (24) nach Dortmund kam, war die Erwartung klar: Tempo, Tiefe, Tore. Sein großes Kapital ist unbestritten: Geschwindigkeit. Kaum ein Spieler in der Bundesliga erreicht seine Sprintwerte. Das Problem: Tempo allein gewinnt keine Spiele. Denn Adeyemis Spiel hat nach wie vor strukturelle Defizite, die sich in schwankender Entscheidungsqualität im letzten Drittel und zu vielen Ballverlusten im Dribbling zeigt. Phasenweise wirkt sein Spiel fast zu hektisch. Er rennt – aber er kontrolliert das Spiel nicht. Dazu kommt die taktische Frage, denn Adeyemi ist kein klassischer Flügelspieler.Er ist eher ein Raumläufer, der von Tiefe lebt. Diese Situation haben wir allerdings selten, da viele Mannschaft gegen uns tief verteidigen.

Der gebürtige Münchener ist erst Mitte zwanzig und hat immer noch Entwicklungspotenzial. Seine Zukunft hängt vor allem von einer Frage ab: Kann er sein Spiel intelligenter und effizienter machen? Wenn ja, bleibt er definitiv ein wertvoller Spieler. Wenn nicht, droht ihm langfristig nur die unbefriedigende die Rolle eines Situationsspielers für Umschaltmomente. Doch auch er, der es wie kein anderer versteht, immer wieder zum Verdruß des Clubs Schlagzeilen „außerhalb“ des Sports zu schreiben, könnte Dortmund im Sommer verlassen.

Abgangskandidat: Guirassy ist nur eine Lösung für heute

Ganz anders liegt der Fall bei Serhou Guirassy. Sein Profil ist klar. Er ist ein Strafraumstürmer alter Schule mit Physis und Abschluss. Diese Eigenschaften machten ihn zuvor beim VfB Stuttgart zu einem der effektivsten Stürmer der Liga. Seine Stärke: er braucht relativ wenig Chancen und ist effizient. Solche Stürmer sind im modernen Fußball selten geworden. Doch sein Spiel ist auch klar limitiert auf geringes Tempo begrenzte Beteiligung am Kombinationsspiel und eine Abhängigkeit von Flanken und Vorlagen. Er ist kein Stürmer, der ein Spiel selbst trägt, sondern der ein funktionierendes Offensivsystem vollendet.

Für Borussia Dortmund ist Guirassy kurzfristig extrem wertvoll – gerade gegen tief stehende Gegner. Langfristig stellt sich jedoch eine strategische Frage: Will der BVB weiterhin mit einem klassischen und für den Gegner berechenbaren Strafraumstürmer spielen – oder wieder mit dynamischen, pressingstarken Angreifern?

Und dann sind ja auch noch diese Youngster, die mit den Hufen scharren. Eine neue Generation von Talenten, wie die Defensivspieler Mussa Kaba (17) und Filippo Mane (20), bzw. die beiden Offensivtalente Mathis Albert (16) und Samuele Inacio (17). Diese „jungen Wilden“ sollen zur neuen Saison sukzessive an die Profimannschaft herangeführt werden. Doch Vorsicht: Ehemalige Talente wie Youssoufa Moukoko, der mit 16 Jahren der jüngste BVB-Bundesliga-Spieler wurde, haben sich hingegen nicht wie erhofft durchgesetzt und den Verein desillusioniert verlassen…

Fazit: Wir haben ja noch Tafelsilber

Der BVB muss sich nicht neu erfinden. Er muss sich nur wieder an seine eigene Erfolgsformel erinnern. Mut. Talent. Entwicklung. Oder anders gesagt: Nicht immer die teuersten Spieler gewinnen Titel. Manchmal reicht es, die richtigen Spieler zu entdecken, bevor alle anderen sie sehen. Und genau das war von ein paar Jahren unter Michael Zorc die größte Stärke von Borussia Dortmund.


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