Was Sammer meint und warum Dortmund stagniert – Ein Kommentar

Borussia Dortmund hat es wieder einmal auf ganzer Linie geschafft, die Erwartungen der Fans an ein Spitzenteam zu enttäuschen – und zugleich die eigenen Ansprüche mit einem Vorhang aus schönen, aber trügerischen Zahlen zu verdecken. Der aktuelle „Aufschwung“ – sei er auf eine neue Traineransprache oder nur auf eine leichte Verbesserung der Effizienz zurückzuführen – ist nichts als pure Kosmetik. Er kaschiert eine tiefe, strukturelle Stagnation, die Matthias Sammer mit seiner pointierten Kritik an den „weichgespülten Strukturen“ und der „Führungsschwäche“ der Führungsetage gnadenlos offengelegt hat

Sammer, der das BVB-Gen wie kaum ein Zweiter versteht, trifft den Nagel auf den Kopf. Dortmund hat sich in einer Komfortzone eingerichtet, die gefährlicher ist als jeder Abstiegsplatz. Es herrscht eine schon als chronisch zu bezeichnende Führungsschwäche, die sich von oben nach unten durchzieht. Wo sind eigentlich die dominanten Charaktere, die auf dem Platz die Richtung weisen, wenn es schwierig wird? Man sucht sie vergeblich. Der zweitteuerste Kader der Liga ist ein Sammelsurium aus zweifellos hochbegabten, aber mental fragilen Einzelkönnern, denen die letzte Konsequenz und die schmerzhafte Härte und die unbedingte „Geilheit“ fehlen, um Titel zu gewinnen. Diese weiche Führung erlaubt es, dass Disziplin und Konstanz zur Ausnahme statt zur Regel werden.

Ergebnisse sind nicht alles!

Doch das eigentliche Problem liegt unter der Oberfläche der zweifellos vorzeigbaren Ergebnisse. Die Mannschaft stagniert „spielerisch“ und „taktisch“ auf erschreckende Weise. Egal ob es einfallsloser Angriffsfußball im Handballstil oder effektives Anlaufen im Verbund ist – abgesehen von individuellen Geistesblitzen oder der reinen Wucht einzelner Spieler bleibt die Entwicklung des Kollektivs weit hinter den Ansprüchen eines Spitzenteams zurück. Der BVB präsentiert sich oft als planloses Gebilde, das im Mittelfeld den Ball hin- und herschiebt, ohne klare strategische Lösungen gegen tiefstehende Gegner oder eine souveräne Reaktion auf aggressives Pressing des Gegners zu finden. Gerade im heimischen Westfalenstadion wird durchweg Hausmannskost statt drückender Überlegenheit serviert.

Die Kritik am vermeintlichen „Kovac-Aufschwung“ (oder der aktuellen positiven Ergebnisreihe) ist absolut berechtigt: Wenn die Ergebnisse stimmen, werden die spielerischen Mängel ignoriert. Doch diese Punktelieferungen sind in Wahrheit keine strategische Weiterentwicklung, sondern nur die kosmetische Korrektur der akuten Krise.

Der BVB braucht keine neuen Gesichter, die in schönen Reden das Potenzial beschwören. Er braucht eine tiefgreifende Kulturrevolution. Er muss die von Sammer diagnostizierte Weichheit aus der Organisation vertreiben und endlich eine klare, kompromisslose Spielphilosophie implementieren, die über die gesamte Saison Bestand hat. Solange man sich mit der Rolle des ewigen Jägers (mit dem Fernglas!) und der Behauptung, man sei ja „trotzdem“ erfolgreich, zufriedengibt, wird Borussia Dortmund die strukturelle Stagnation nicht durchbrechen und weiterhin nur als hübsche, aber letztlich zahnlose Nummer zwei der Liga firmieren.

BVB-Berater Sammer hatte mit seinen Aussagen über den BVB bei Sky durchaus klar formuliert: „Wir müssen damit aufhören, die Wahrheit am Ende so zu verwischen, dass die, die die Wahrheit nennen, am Ende die Dummen sind“, sagte der BVB-Meistertrainer von 2002. Zu dieser Wahrheit gehört allerdings auch, dass wir dringend dahin zurückmüssen, was „Markenkern“ des Clubs ist: die Begabtenförderung! Ein hochtalentierter Spieler wie Julien Duranville, hat diese Saison noch keine einzige Minute Fußball bei der ersten Mannschaft vorgespielt. Dass dem 19-Jährigen die Zukunft gehört, hatte Bayerns Trainer Kompany bereits 2024 öffentlich angedeutet. Kovac indes vergrault den Jungen, statt ihn zu einer Waffe zu formen, wie es beispielsweise Gegner Mönchengladbach mit dem erst 16-jährigen Wael Mohya eindrucksvoll vormacht.

Dortmund braucht endlich wieder eine Elefantenrunde. Einziger Tagesordnungspunkt: Wie mache ich aus meinen Möglichkeiten endlich Ligaspitze!


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