2. Tag (Freitag) – Reise durch Osteuropa

Um 05:30 Uhr startete dann Versuch 2 auf der „Gastarbeiter-Route“ (umgangssprachliche Bezeichnung für die Reisestrecke zwischen Deutschland und Istanbul) und wir erreichten diesmal problemlos den sächsisch-böhmischen Grenzübergang Breitenau / Petrovice. Sie ist die wichtigste Hauptverkehrsader und verbindet die A17 direkt mit der tschechischen Autobahn D8. Niemand interessierte sich für uns und auf dem ersten Parkplatz kauften wir artig unsere Maut für 17€. Der Schengen -Raum umfasst aktuell 29 europäische Staaten, in denen die Kontrollen an den Binnengrenzen grundsätzlich abgeschafft sind.

Dazu gehört auch die Slowakei – das nächste Land auf der Reise. Die Grenze zwischen Tschechien und der Slowakei ist eine bedeutende Verbindungsstrecke zwischen zwei zentralen Ländern Europas. Die empfohlene „digitale Vignette“ für die Slowakei hatten wir zwar nicht, aber das juckte keinen. Bratislava ist Hauptstadt der Slowakei und war bis 1918 unter dem Namen Pressburg Teil des Königreichs Ungarn. Es liegt an der Donau und grenzt an Österreich und Ungarn. Umgeben von Weingütern sowie den Kleinen Karpaten ging es weiter Richtung Budapest und Ungarn.

Die Grenze zwischen Košice in der Ostslowakei und Tornyosnémeti ist eine der wichtigsten Ost-Verbindungen für den Fernverkehr. Mehrfach wird auch der Abzweig nach Wien angezeigt. In Ungarn gab es dann einen Schock an der Autobahn. Wir mussten tanken und wenn es überhaupt noch ein Indiz brauchte, dass die Ära von Viktor Orban und Vides vorbei ist, stieß uns die Rechnung drauf. Noch nie zuvor auf dieser Reise mussten unfassbare 133€ für eine Tankbefüllung berappt werden – also 2,20€ für einen Liter Diesel.

Inzwischen war die Sonne untergegangen und zwischen Tatabanya und Budapest durchfuhr ich die wohl längste Baustelle meines Lebens von mindestens 12-15 Kilometer Gesamtlänge. Da ich die linke verengte Fahrbahn befuhr, noch dazu im Gegenverkehr, geriet dies zu einer echten physischen Herausforderung.

Der locker grenzüberschreitende Verkehr fand an der Grenze zu Serbien ein abruptes Ende, denn dieses Balkanland ist weder Mitglied im EU- Staatenverbund, noch gilt dort Schengen. Dass hieß: Auto auf, Grenzbeamte checken alles. Auf ihre Fragen hatten wir die richtigen Antworten und konnten passieren. Wirklich überrascht waren wir von der Schönheit der Natur. Die Grenze zwischen Ungarn und Serbien verläuft zum Teil flussbedingt (Donau), teils über Land in Südosteuropa via Röszke. Das erste was uns nach Grenzübertritt auffiel, waren tatsächlich Tankstellen von Gazprom. Du zuckst und fragst dich: darf man da tanken, oder muss ich da jetzt „Haltung“ zeigen und vorbei fahren? Serbien deckt einen Großteil seines Energiebedarfs bekannterweise weiterhin über russische Lieferungen und denkt sich nix dabei. Auf einer 2.500-km-Tour nach Taşucu ist eine sichere, saubere und gut gelegene Tankstelle meist wichtiger als das Firmenlogo – zumal der Diesel im Tank sowieso oft aus denselben regionalen Raffinerien kommt. Putin wird es eh egal sein…

Wir hatten ja in unserer Tour einen Stopp in der serbischen Stadt Jagodina, an der Ausfahrt 41, ca 135 km hinter Belgrad und 100 km vor Niš gelegen, fest eingeplant. Dort wollten wir eigentlich übernachten und frisch ausgeruht das letzte Drittel der Fahrt antreten. Da wir durch unsere Autopanne einen halben Tag verloren hatten, war dies zeitlich nicht mehr drin, denn unsere gebuchte Fähre in Mersin startete am Sonntagabend um 23.30 Uhr (21:30 Uhr Bording). Der Zeitplan war zwar eng, aber absolut machbar – zumal wir auch gut voran gekommen waren bisher.

Seit Bulgariens EU-Beitritt ist dies eine Außengrenze der Europäischen Union. Dieser Tatsache ist man sich erst bewusst, wenn man das enorme Aufgebot an Kameras im Grenzgebiet sieht zwischen Dragoman (Serbien) und Botevgrad (Bulgarien). Wenn man Sofia und Plovdiv hinter sich gelassen hat, fährt man spätestes hinter Chaskowo in eine urbane Welt, die aus unglaublich stark bewaldeten Höhenzügen besteht. Ein absolutes Naturschauspiel. Kaum Autos – es kam einem vor, als wäre man ganz allein unterwegs dort. Absolut traumhaft!

Und so kamen wir ganz happy auf den Grenzübergang „Kapitan Andreewo“ (auf der bulgarischen Seite) Kapıkule (türkische Seite) zugefahren, da dies der bekannteste und meistbefahrene Übergang für den internationalen Reise- und Warenverkehr ist. Nahe Swilengrad und Edirne waren wir bereit, das letzte Festland auf unserer Reise zu befahren.

Auffällig war, dass es ziemlich voll war und wir erfuhren von zahlreichen Türken aus Deutschland im Stau, dass in der Türkei ein Feiertag ansteht (Bayram). Dementsprechend warteten wir geduldig bis zwei Zoll-Kontrolleure einen Blick in unseren Laderaum warfen. Wie zuvor, waren sie regelrecht erschrocken, was wir da so alles für Dinge im Auto hatten. Plötzlich entdeckte einer der beiden Männer einen Aktenordner mit einem gelben Aufkleber von Borussia Dortmund und fragte mich danach. Ich erklärte, dass ich als Fan und Journalist ca. 40 Jahre lang den Club begleitet und so quasi Europa kennengelernt habe. Da beide ebenfalls Anhänger der schönsten Nebensache der Welt waren, ließen sie uns lächelnd passieren zum Grenzübergang Kapikule, welche bereits im Jahre 1878 als Innengrenze innerhalb des Osmanischen Reiches eingerichtet und durch den Vertrag von Konstantinopel im Jahre 1913 festgelegt wurde.

Teil 3: Die Türkei und ihre Regeln


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