3. Tag (Samstag) – Die Türkei und ihre Regeln
Damit waren wir vor den Toren der Türkei (aber noch lange nicht drin!). Was jetzt folgt, ist eine Story, die ihresgleichen sucht.
1.) Anlauf
Wir fuhren im Schrittempo durch das „Niemandsland“ nach dem ersten Check. Dieser verlief problemlos. Anschließend schauten zwei Gümrük Müdürlüğü (Zolldirektion) in unseren Lieferwagen und prüften unsere Ladung. Dann sollten wir rechts ran fahren für eine „intensivere“ Überprüfung. So geschah es. Gut, dass ich eine Privat Inventory List (Green Line Regulation) erstellt hatte, wo man nachvollziehen konnte, dass es sich bei unserer Ladung um private, persönliche und gebrachte Gegensände handelte, die eindeutig zu unserem aufgelösten Hausstand gehörten.

Der letzte Inspektor ließ uns unangemessen warten, checkte alle Autos, aber unseres nicht. Nach geraumer Zeit der „Nichtbeachtung“ war es mir zu bunt und ich fuhr langsam die 300 m weiter Richtung Auslaß- und Passkontrolle. Dort wurde ich zurückgeschickt. Die Verständigung war schlecht und ich wollte ein paar Meter weiterfahren, um zu drehen. Da schnauzte mich der Posten aus seinem Glasverhau an, dass das nicht gehen würde (oder so) und ich schnauzte zurück, dass ich ein sieben Meter langes Fahrzeug nicht so einfach zurückzusetzen kann, wenn eine Schlange Pkw’s hinter mir steht
Jedenfalls hätten wir uns beim Gebäude D3 zu melden. Dort mussten wir in eine Halle fahren (Erinnerungen an die DDR kamen auf) und aussteigen. Jetzt waren wir in der Obhut von zwei Mitarbeitern, beide jüngeren Alters. Die junge Frau forderte mich auf, alles abzuladen. Dies lehnte ich ab, da es sich um ca. 40 gute verpackte und gut gesicherte Umzugskartons handelte und ich einfach nach 2000 Autobahnkilometern zu kaputt war, für so eine sinnbefreite Aktion.
Das war unser Todesurteil. Denn jetzt forderte die kleine hysterische Frau einen „öffentlichen Vorgang“ zu starten und quasi alles zu deklarieren. Die Kosten dafür sollten – so stellte sich später raus – bei 1200 – 1500€ liegen.
Ich musste mich ins Innere der riesigen Station durcharbeiten – ohne Sprachkenntnisse und Hilfe. Zum Schalter 53/54 sollte ich gehen, das Problem war nur, dass das hinter einem personalisierten Eingangsdrehkreuz mit vergitterter Front lag, für dessen Öffnung niemand zuständig war. Das dauerte. Dann endlich konnte ich jemanden überzeugen, mich hinein zu lassen. Nach intensiver Suche fand ich einen Gesprächspartner. Mit seinem Handy kommunizierten wir per Übersetzer. Ich schilderte den Vorgang und er sagte, es komme gleich jemand, der sich meiner Sache annehmen würde. Nach 20 Minuten kam tatsächlich ein junger Schnösel, der erkennbar auf mich keinen Bock hatte. Gottseidank rief er einen an, der deutsch konnte und gab mir sein Handy.
Jetzt ging die Schilderung wieder von vorn los und er sagte, es brauche Papiere für die Fracht, da die Türkische Repubik ausschließen müsse, dass ich die Ladung illegal verkaufe. Dafür wäre mindestens ein T1-Formular anzufertigen für den Zoll, was ca. 1200-1500€ kosten würde. Das Fahrzeug könne dann ggf. „verplombt“ werden. Ich kann jetzt nicht sagen, dass dieser Orhan nicht bemüht war, aber mein Eindruck war, dass man an einer Lösung gar nicht wirklich interessiert war. Allerdings gab er das Problem weiter an einen in Berlin lebenden Freund namens Ercan Turkay, der bereitwillig nach Lösungen für unsere Situation suchte.
Das Problem mit dem T1-Formular: Das offizielle T1-Transitverfahren verlangt eine standardisierte, präzise zollrechtliche Erfassung von Handelswaren. Eine private Inventarliste, die von 30 Büchern über Hausschuhe bis hin zu Gewürzen und Duschgel alles enthält, lässt sich in kein starres „Zolltarifschema“ pressen für klassisches „Müdürlük“: Für die türkischen Grenzbehörden entsteht hierbei offenbar ein scheinbar unlösbares formales Vakuum: Weder handelt es sich um klassischen gewerblichen Umzugsgut-Standard noch um reguläre Fracht.

Das Ergebnis: Die Diskrepanz zwischen meiner detaillierten privaten Aufzählung und den amtlichen Erwartungen führte dazu, dass die Beamten mit absoluter Ratlosigkeit und strikter Ablehnung reagierten – die vorgelegten Dokumente konnten den Zoll am Ende schlichtweg nicht zufriedenstellen.
Als sich abzeichnete, dass ein Weiterkommen verunmöglicht wurde, bemühten wir uns aus dieser „Festung“ wieder herausgelassen zu werden. Dafür brauchte es eine schriftliche Erlaubnis (und den tatsächlichen Willen, die Schranke zu öffnen).
Also fuhren wir nach langem Hick-Hack um 4:30 Uhr(!) zurück nach Bulgarien. Die dortigen Grenzbeamten staunten nicht schlecht, als wir aus den Inneren von Kapikule raus gelassen wurden. Wir fuhren zurück zu Swilengrad, wo es einen unscheinbaren Übergang (eine Person) nach Griechenland gab, um die A 80 ca.75 Kilometer südwärts entlang der A2 Egnatia Odos in Richtung Alexandroupoli zu fahren. Diese Autobahn ist Teil der europäischen Fernstraße E90, allerdings hält die Beschaffenheit des Bodenbelages keiner Überprüfung stand. Wir sahen niemand auf diesem Weg in den frühen Morgen…

4. Tag (Sonntag) – Neuer Tag, neues Glück?
2.) Anlauf
Und so kamen wir völlig übermüdet gegen 08:30 Uhr an den Grenzübergang Kipi / İpsala Gümrük Müdürlüğü und stellten uns in der Schlange an. Problemlos passierten wir den griechischen Vorposten. Dann ging es über die historische Brücke vor dem Grenzübergang, die offiziell als „Brücke der Freundschaft“ bezeichnet wird. Man überquert so – durch bewaffnete Grenzposten gesichert – den Grenzfluss Evros (Türkisch Meriç). Dann steigt man einmal noch aus, um seinen Pass mit einem Foto zu bestätigen und steht plötzlich wieder vor dem selben Problem…

Auto auf, Inspektion. Auch dieser Gümrük-Mitarbeiter ist überfordert und holt sich sodann Verstärkung. Diese gestaltet sich recht einseitig und ist inzwischen schon auf vier Personen angewachsen (die alle wenig Ahnung haben, aber davon’ne Menge). Es eint sie aber alle eine kalte Gleichgültigkeit, was aus uns wird. Schlimmer noch: selbst als Sprachunkundiger spürt man, wie sie sich über Dich und Dein kleines bisschen etwas im Auto lustig machen.
Da ich ja einige Brocken türkisch in meinen drei Jahren Nordzypern aufgeschnappt habe, weiß man das schon richtig einzuschätzen, diese Arroganz. Also schickte man uns erneut weg und drückte uns ein eilends angefertigtes Schriftstück in die Hand, welches dies zweifellos belegte. Gut, dachten wir uns: aller guten Dinge sind drei – kommen wir halt morgen wieder. Vielleicht hat dann ja das Personal gewechselt und wir finden milde Richter.
Ausgebrannt und müde suchten wir uns ein Hotel in unmittelbarer Nähe und wurden mit dem Hotel Trassa in Tycherno fündig. Allerdings kamen wir nicht sofort dorthin, den an der engen Straßenführung in den Ort blieb ich mitdem rechten hinteren Reifen hängen und schlitze ihn auf. Unkonzentriertheit und die immer mehr einsetzende Müdigkeit waren Wegbereiter dieses Vorfalls. Wie es der Zufall wollte, befand sich nur wenige Meter weiter eine kleine Taverne.

Nicole sprang heraus und korrespondierte mit dem Mann, der deutsch verstand und besser noch, auch sprechen konnte. Er involvierte einen Taxifahrer, der – nach acht Jahren Frankfurt – nunmehr zurückgekehrt war und ebenfalls deutsch sprach. Glück im Unglück nennt man das wohl. Durch ihn kamen wir schnell zum anvisierten Hotel und konnten erst einmal schlafen. In der Zwischenzeit organisierte er einen einheimischen Reifenhändler, der uns für stolze 210€ einen gebrauchten draufzog. Wir waren nun wieder reisetauglich.
Das kleine und familiengeführte Hotel lag unfassbar idyllisch an einem See. Wild umherlaufende Gänse mitten zwischen den Gästen, die in einer Pergola am Wasser saßen, gaben ein friedliches Bild ab. Das junge Ehepaar kümmerte sich vorbildlich um uns und ließ uns (Schlafdefizite!) erstmal etwas zur Ruhe kommen. Das liebevoll dekorierte Hotel Trassa erschien uns so, als sei die Zeit dort einfach stehen geblieben. Wir brauchten diese „Verschnaufpause“ aber auch dringend, eingedenk der noch vor uns liegenden Belastungen und Beanspruchungen…
3.) Anlauf
Am Morgen drauf (es war Montagmorgen) starteten wir einen neuerlichen Versuch, endlich Einlaß zu erhalten in die Türkei. Von unserer Fähre in Silifke mussten wir uns längst verabschieden. Das Resultat war, dass wir von Akgünler von unseren 280€ Fährpassage ganze 37,55€ zurück erhielten. So verbrennt man Geld…

Der Vorgang verlief komplett gleich und war uns sehr vertraut. Wieder kamen wir bis vor das letzte Tor bevor eine ähnlich überforderte Person die Entscheidung traf, wir sollten wenden und über den Lkw-Bereich hineinkommen. Wir fuhren rüber und tiefe Ratlosigkeit machte sich breit. Ich hielt dann an dem ersten Gebäude auf diesem riesigen Gelände, wo sich offenbar eine Veterinärstation befand, weil ich im erste Stock zwei fröhliche Menschen sah, die auf dem Rooftopdach offenbar Pause machten. Diese überaus hilfsbereiten Männer erklärten uns, dass unser IVECO ganz sicher hier nicht hin muss, aber rieten uns, bis zur Zollschranke weiterzufahren und zu dort fachkundig nachzufragen. Dies schien die beste Lösung zu sein und so folgten wir diesem Rat.
Dort angekommen erlebten wir wieder diese kalte Gleichgültigkeit. Natürlich wurden wir zurückgewiesen und es wurde uns gesagt, wir sollten auf den Müdürlük (Direktor) warten, der den Daumen heben oder senken würde. Wir warteten. Eine Stunde, eine weitere… Wer sind schon wir, dass ein höher bezahlter Beamter, noch dazu in leitender Position, sich zu uns begibt? Dann wurde es mir zu bunt und ich wendete das Fahrzeug. Plötzlich kam uns besagter Gümrük-Mitarbeiter entgegen und bedeutete mir, ich solle ihm folgen. Wir gingen in das Verwaltungsgebäude hinein und er trat in ein Büro und wies mich an zu warten. Leise Hoffnung durchzog mich in diesen 5 Minuten, doch diese wurden jäh enttäuscht. Man hatte uns lediglich ausgetragen. Mit den Worten „You can go back“ beendete also İpsala Gümrük Müdürlüğü unsere Einreise.
Eine Zufallsbekanntschaft in Nikosia hatte sich derweil bei meiner kongenialen Partnerin in Nikosia entpuppt, die neue Aspekte beisteuerte. Sie hatte nämlich Ali kennenlernt, einen Importeur, der Speditionsgüter über Nürnberg nach Nordzypern holt. Ihn sollte ich anrufen und ihm das Problem schildern. Ich fuhr auf einen Parkplatz und rief ihn in meiner Verzweiflung an. Spontan ergab sich eine Telefonkonferenz mit vier Leuten, die bei einer Lösung helfen wollten. Ümit wollte das T1 fertig machen, Görkem in der Grenzstation für uns werben, weil man dort jemand kenne. Das ernüchternde Resultat: İpsala Gümrük lehnte unsere Durchreise erneut ab, weil es i.E. nicht möglich sei, unser Auto zu verplomben, bzw. zu versiegeln. Dabei geschieht dies heutzutage mit einfachen Aufklebern. Für die Schiebetür, die direkt an die Beifahrertür grenzt, ist dies tatsächlich nur durch verschließen „beider“ Türen möglich. Dem hätten wir uns aber gebeugt und zugestimmt. Aber Pustekuchen! Bir daha görüşmemek üzere, Türkiye.
Auf (Nimmer-)Wiedersehn, Türkei!


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