Nach dem enttäuschenden 0:1 in Bodø steht Niko Kovač vor einer unbequemen Frage: Warum braucht seine Mannschaft einen Rückstand, um die notwendige Intensität zu entwickeln? Vor dem Gastspiel bei Union Berlin reicht der nächste Appell an Leidenschaft nicht mehr.

Der Vertrag ist verlängert, die Zukunft des Trainers vorerst geregelt. Die Gegenwart seiner Mannschaft wirft dagegen Fragen auf. Zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag erhielt Niko Kovač einen neuen Vertrag bis 2029. Dazwischen lag ein Abend, der wenig Anlass zum Feiern bot: Borussia Dortmund verlor beim FK Bodø/Glimt verdient mit 0:1. Fredrik Sjøvold traf in der 52. Minute. Der BVB schlug sich einmal mehr selbst durch rätselhafte Passivität.

Natürlich kann man in Bodø verlieren. Wer den norwegischen Gegner als „exotische Randerscheinung“ behandelt, hat dessen Qualität nicht verstanden. Doch Dortmund verlor nicht einfach gegen eine gute Mannschaft. Der BVB ließ über weite Strecken jene Voraussetzungen vermissen, ohne die individuelle Qualität im Spitzenfußball wenig wert ist: Entschlossenheit, gemeinsames Anlaufen und die Bereitschaft, dem Gegner das Spiel unbequem zu machen. Selbst der eigene Vereinsbericht hielt fest, dass die notwendige „Intensität“ erst nach dem Rückstand sichtbar wurde.

Genau das ist der eigentliche Vorwurf. Nicht die Niederlage allein. Sondern die Frage, warum Borussia erst aufwachte, als sie bereits zurück lag.

„Intensität“ ist kein Zauberwort

Kovač selbst benannte das Problem: „Wir haben in der ersten Halbzeit die Leidenschaft und die Intensität vermissen lassen, auch den Fußball nicht gespielt, den wir brauchten.“ Die Diagnose trifft. Aber sie entlastet den Trainer nicht.

Wenn eine Mannschaft die notwendigen Grundlagen vermissen lässt, muss sich ihr Trainer fragen lassen, warum. Waren die Aufgaben klar? Passten die Abstände? War die Aufstellung geeignet, um Druck zu erzeugen? Und weshalb gelang es nicht, das Spiel früher zu korrigieren?

„Intensität“ darf dabei nicht zur Sammelvokabel werden, unter der alles verschwindet. Gemeint sein muss konkretes Verhalten: den ersten Passweg schließen, den Mitspieler beim Anlaufen unterstützen, nach einem Ballverlust sofort reagieren und beim nächsten Zweikampf nicht wieder aus einer ungünstigen Position kommen. Aggressivität heißt nicht, wahllos in Gegner hineinzurutschen. Sie bedeutet, rechtzeitig dort zu sein, wo das Spiel entschieden wird. Deshalb hat man ja beispielsweise Veerman verpflichtet.

Körpersprache entsteht durch Handlungen

Auch die Forderung nach einer anderen Körpersprache verdient mehr als die üblichen Bilder vom geballten Faustzeichen und demonstrativem Anschreien. Ein Spieler kann laut wirken und trotzdem schlecht verteidigen. Er kann nach einem Gegentor wütend gestikulieren und beim nächsten Angriff erneut zu spät reagieren. Entscheidend ist nicht die Inszenierung von Entschlossenheit, sondern ihre Wirkung auf dem Platz.

Aus Dortmunder Sicht ist deshalb besonders aufschlussreich, dass die Mannschaft nach Kovačs Vierfachwechsel nach rund einer Stunde deutlich lebendiger wurde. Die Wechsel brachten Schwung, zuvor hatte sich der BVB über längere Phasen zurückdrängen lassen.

Das spricht gegen die bequeme Erklärung, an diesem Abend sei grundsätzlich nichts möglich gewesen. Es war mehr möglich. Nur eben zu spät.

Wer erst nach einem Rückstand und mehreren Wechseln Zugriff entwickelt, muss sich fragen lassen, warum die erste Formation diesen Zugriff nicht hatte.

Kovač hat rotiert – und sich vergriffen

Fünf Veränderungen in der Startelf waren eine weitreichende Entscheidung. Kovač begründete die Rotation unter anderem mit der Belastung durch drei Spiele innerhalb einer Woche und den Reisestrapazen. Nach der Niederlage übernahm er ausdrücklich die Verantwortung für seine Auswahl. Das ist ihm zugutezuhalten. Er versteckte sich nicht hinter seinen Spielern.

Aber das Eingeständnis beantwortet die sportliche Frage noch lange nicht. Rotation ist im dicht gedrängten Kalender notwendig. Sie darf nur nicht bedeuten, dass mit den Spielern gleich die „Verbindlichkeit des gesamten Auftritts“ ausgetauscht wird.

Eine gefestigte Mannschaft braucht wiedererkennbare Abläufe, unabhängig davon, wer beginnt. Nicht jede Kombination muss sofort glänzen. Doch gemeinsamer Druck, Absicherung und offensive Orientierung dürfen keine Eigenschaften sein, die nur eine bestimmte Elf beherrscht.

Für Niko Kovač ergibt sich daraus eine unangenehme Prüfaufgabe: Wie stabil ist „sein“ Fußball tatsächlich, wenn mehrere personelle Veränderungen reichen, um der Mannschaft so deutlich den Rhythmus zu nehmen?

Stabilität ist mehr als ein vorsichtiger Spielaufbau

Der Abend in Norwegen steht zudem nicht völlig isoliert. Zuvor hatte Dortmund gegen Werder Bremen in der Schlussphase einen 2:0-Vorsprung geradezu dramatisch verspielt. Auf die versäumte Ergebnissicherung folgte nun eine Niederlage, bei der Borussia erst nach dem Gegentor stärker wurde.

Bild: Der Einsatz der BVB-Fans stimmte mal wieder. An ihnen hat es sicher nicht gelegen

Zwei unterschiedliche Spiele, aber ein gemeinsamer Prüfstein:
Kann diese Mannschaft einen Spielverlauf selbst bestimmen?

Gegen Bremen gelang es nicht, die Führung ins Ziel zu bringen. In Bodø gelang es zu lange nicht, dem Gegner die Initiative abzunehmen. Daraus lässt sich zwar noch keine komplette Saisonkrise ableiten. Es wäre allerdings ebenso falsch, beide Auftritte als voneinander unabhängige „Betriebsunfälle“ abzulegen.

Stabilität bedeutet schließlich nicht nur, wenig zu riskieren. Eine Mannschaft ist auch dann stabil, wenn sie unter Druck anspielbar bleibt, nach Ballverlusten ihre Ordnung hält und eine Führung aktiv verteidigt, statt lediglich auf den Schlusspfiff zu warten.

„Torgeil“ wird eine Mannschaft nicht durch Absichtserklärungen

Die Sehnsucht vieler Dortmunder nach einem dominanten, angriffslustigen BVB lässt sich nicht mit der Aufforderung erfüllen, vorne entschlossener zu sein.

Torgefahr muss vorbereitet werden. Dafür braucht es Tiefe, Bewegung ohne Ball und genügend Spieler, die Angriffe gemeinsam zu Ende führen. Genau diese Tiefe fehlte dem Dortmunder Spiel laut Spielbericht über längere Strecken. Erst nach dem Rückstand entstanden mehrere klare Möglichkeiten. Hier liegt der Unterschied zwischen nomineller Offensivqualität und funktionierendem Angriffsspiel.

Gute Einzelspieler garantieren noch keine guten Angriffe. Aber sie erhöhen den Anspruch an den Trainer, Bedingungen zu schaffen, unter denen ihre Fähigkeiten regelmäßig zur Geltung kommen. Der Satz „Das Personal ist da“ ist deshalb keine vollständige Analyse. Er ist jedoch ein berechtigter Ausgangspunkt für die Frage, warum die vorhandenen Möglichkeiten nicht verlässlicher sichtbar werden. Ein BVB, der gefährlich sein will, darf nicht erst gefährlich werden müssen.

Der neue Vertrag ist kein sportlicher Beweis

Die Verlängerung bis 2029 ist für den Staff ein Vertrauenssignal der Vereinsführung. Sie ist allerdings kein Nachweis dafür, dass alle sportlichen Fragen beantwortet sind. Ebenso wenig wäre eine Niederlage ein ausreichender Grund, sämtliche Entscheidungen sofort grundsätzlich infrage zu stellen. Ein Trainer darf schlechte Spiele erleben. Auch eine falsche Aufstellung ist noch kein Beweis mangelnder Eignung.

Der Maßstab muss anspruchsvoller sein: Entwickelt Kovač eine Mannschaft, deren Spiel erkennbar zusammenwächst? Werden Schwächen behoben? Kommen Intensität und offensive Entschlossenheit verlässlicher auf den Platz? Oder bleiben sie Eigenschaften, die nach Enttäuschungen immer wieder neu eingefordert werden müssen?

Die Kritik lautet nicht, dass Kovač in Bodø verloren hat. Sie lautet, dass sein BVB einen Auftritt zeigte, der Zweifel an genau jener Verlässlichkeit nährt, für die der Trainer stehen sollte.

Union Berlin: Die Antwort muss vor dem Rückstand kommen

Am Samstag steht das Gastspiel in Köpenick bei Union an. Kovač hat bereits betont, dass es dort zunächst um Einsatz und Leidenschaft gehen werde, bevor seine Mannschaft Fußball spielen könne. Das ist nachvollziehbar. Aber Einsatz und Fußball dürfen nicht als zwei getrennte Arbeitsgänge erscheinen.

Borussia Dortmund muss nicht erst kämpfen und anschließend spielen. Schwarzgelb muss durch gutes gemeinsames Verhalten beides verbinden: Zweikämpfe vorbereitet führen, Ballgewinne nutzen, nach vorne anschlussfähig bleiben und den Gegner auch mit dem eigenen Ballbesitz beschäftigen.

Die entscheidenden Fragen für Berlin sind deshalb konkret:

  • Beginnt der BVB mit erkennbarem Zugriff – oder wartet er erneut auf einen Anlass?
  • Rücken die Spieler beim Pressing gemeinsam nach?
  • Gibt es nach Ballgewinnen sofort Bewegung in die Tiefe?
  • Bleibt die Mannschaft auch nach Fehlern handlungsfähig?
  • Erzeugt Dortmund selbst Druck, statt nur auf gegnerischen Druck zu reagieren?

Ein Sieg wäre wichtig. Ein überzeugender Auftritt wäre mehr wert als die nächste Debatte darüber, ob das Ergebnis die Leistung überdeckt.

Denn nach Bodø geht es um Verbindlichkeit: Die Qualität muss nicht nur vorhanden sein. Sie muss vom Anpfiff an sichtbar werden. Kovač hat für seine Zukunft Vertrauen erhalten. Jetzt muss seine Mannschaft zeigen, warum.


2 Kommentare zu „Vertrag bis 2029, Fußball auf Bewährung: Der BVB muss endlich liefern“

  1. Avatar von Ralf Jenau
    Ralf Jenau

    Moin Holger
    Ein wirklich guter Artikel der genau das Wiedergibt was im Moment in der Mannschaft vorgeht!
    Wir alle können nur hoffen das die Mannschaft am Samstag in Berlin ein anderes Gesicht zeigt sonst haben wir die erste Krise der noch jungen Saison.

    1. Avatar von admin

      Ja, ich mache mir auch Sorgen. Hätte man nicht die ersten 14 Spieltage abwarten können, um dann ggf. in der Winterpause zu verlängern? Dann hätte man sehen können, ob er’s hinkriegt.

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