Vom roten Ruhrgebiet zur politischen Heimatlosigkeit – wann zerbrach die Symbiose von SPD und Gewerkschaften?
Der aktuelle Anlass ist tatsächlich bemerkenswert: In der am 23. September 2026 veröffentlichten Forsa-Erhebung für den ‚Kölner Stadt-Anzeiger‚ liegt die AfD in NRW bei einer Bundestagswahl mit 24 % erstmals vor der CDU (22 %). Die SPD kommt nur noch auf magere 14 %. Für eine Landtagswahl sind es ebenfalls nur noch 14 %. Befragt wurden 1.030 Wahlberechtigte vom 7. bis 18. September.
Aber: Das ist nicht der Beginn der Geschichte. Es ist das vorläufige Ergebnis einer Entwicklung, die Jahrzehnte zurückreicht – und sie hat Gründe. Und genau damit beschäftige ich mich aufgrund meiner langjährigen ehren- und hauptamtlichen Gewerkschaftszeit ausführlich.
Die erste Korrektur: Die „Zerbröselung“ begann nicht mit Hartz IV
Das wäre die populäre, aber zu einfache Erklärung. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder kommt in einer grundlegenden Analyse des Verhältnisses von SPD und Gewerkschaften zu einem wesentlich differenzierteren Befund: Die Entfremdung hat mehrere Ursachen – veränderte Mitglieder- und Wählerschaften, Enttäuschung aufgrund von Desilliosonierrung beim gesellschaftlichen Strukturwandel, neue Konkurrenz im Parteiensystem und erst später die programmatischen Konflikte der rot-grünen Regierung. Eine monokausale Erklärung allein über die Agenda 2010 greife zu kurz. Und genau hier wird es spannend, denn die Zahlen erzählen eine ziemlich brutale Geschichte…
| Jahr | Anteil Arbeiter an Gesellschaft | Anteil Arbeiter in SPD | Anteil Arbeiter im DGB |
|---|---|---|---|
| 1950 | 48,8 % | 45,0 % | 83,2 % |
| 1970 | 47,4 % | 34,5 % | 75,8 % |
| 1980 | 42,3 % | 27,4 % | 68,2 % |
| 1990 | 37,4 % | 26,0 % | 66,6 % |
| 2000 | 33,4 % | 19,3 % | 60,2 % |
| 2018 | 16,6 % | – | 88,2 %* |
*Die Methodik bzw. Bezugsgröße verändert sich in den späteren Angaben; die Tabelle zeigt deshalb vor allem die langfristige Strukturverschiebung.
Das ist der erste große Befund: Die SPD wurde bereits lange vor Schröder strukturell immer weniger zur Partei der klassischen Industriearbeiterschaft. Gleichzeitig wandelte sich Deutschland von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft.
Phase I: Der Anfang liegt bereits in den 1970er Jahren
Das wird häufig übersehen. Die enge Verbindung zwischen SPD und Gewerkschaften beruhte auf einer gemeinsamen sozialen Lebenswelt:
Zeche – Stahlwerk – Gewerkschaft – Betriebsrat – SPD-Ortsverein – Arbeiterverein – Kommunalpolitik.
Das war im Ruhrgebiet nicht nur Politik. Es war ein Milieu. Menschen arbeiteten oft im selben Betrieb, waren in derselben Gewerkschaft, ihre Kinder besuchten dieselben Schulen, sie trafen sich in Vereinen und Kneipen – und häufig war das „SPD-Parteibuch“ beinahe Bestandteil ihrer sozialen Biografie.
Schroeder beschreibt diese Welt als ein facharbeiterlich geprägtes Milieu, in dem politische und gewerkschaftliche Bindungen teilweise über Generationen weitergegeben wurden. Doch diese Welt begann sich bereits in den 1970er Jahren aufzulösen. Nicht weil die SPD plötzlich „gegen die Arbeiter“ gewesen wäre. Sondern weil die Gesellschaft selbst sich veränderte.
Phase II: Das Ende der alten Montan- und Industriegesellschaft
Und hier muss man NRW besonders betrachten. Das Ruhrgebiet war das Herz der alten Arbeitergesellschaft. Doch Kohle und Stahl verloren an Bedeutung. Bergwerke schlossen. Stahlstandorte wurden rationalisiert. Arbeitsplätze verschwanden oder veränderten sich. Gleichzeitig stieg der Anteil von Angestellten, Dienstleistungen, öffentlichen Berufen und höher qualifizierten Tätigkeiten.
Die SPD musste deshalb etwas werden, was sie bereits seit dem Godesberger Programm von 1959 grundsätzlich angestrebt hatte: eine Volkspartei.
Das Problem: Je erfolgreicher sie sich für neue gesellschaftliche Gruppen öffnete, desto weniger eindeutig war sie noch die politische Partei einer bestimmten sozialen Klasse. Das war zunächst kein Problem. Im Gegenteil. Die große sozialdemokratische Erfolgsformel lautete:
Arbeiter + Angestellte + neue Mittelschichten = Volkspartei
1998 funktionierte dieses Modell noch einmal hervorragend. Die SPD erreichte bei der Bundestagswahl 40,9 Prozent. Unter Arbeitern kam sie auf 53 Prozent, unter gewerkschaftlich organisierten Arbeitern sogar auf 66 Prozent. Das war gewissermaßen der letzte große Beweis, dass die alte Verbindung noch funktionierte.
Phase III: 1998 – der letzte große Schulterschluss
Das ist ein wichtiger Punkt für diese Geschichte. 1998 unterstützte der DGB die politische Wende. Die Kampagne:
„Deine Stimme für Arbeit und soziale Gerechtigkeit“
mobilisierte gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer. Schröder gewann. SPD und Gewerkschaften schienen wieder vereint. Doch genau hier beginnt die nächste schwere Prüfung, denn die rot-grüne Bundesregierung musste plötzlich auf eine völlig veränderte Wirtschafts- und Arbeitswelt reagieren.
Und dann kam die Agenda 2010.
Phase IV: Schröder und der Bruch
Hier wird es tatsächlich hart für beide Seiten. Die Arbeitsmarktreformen der Jahre 2003 bis 2005 wurden von den Gewerkschaften massiv kritisiert. Der DGB selbst beschreibt die Konflikte mit der rot-grünen Bundesregierung als „besonders schwerwiegend“. Die Gewerkschaften wandten sich massiv insbesondere gegen Hartz IV und die Ausweitung prekärer Beschäftigung.
Schroeder datiert in seiner historischen Darstellung ab 2003 einen starken Entfremdungsprozess zwischen SPD und Gewerkschaften. Gewerkschaftsfunktionäre beteiligten sich anschließend an der Gründung der WASG; diese fusionierte später mit der PDS zur Linkspartei. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Die Wählerdaten spiegeln den Bruch.
SPD verlor unter Arbeitern:
- 1987: 52 %
- 1990: 56 %
- 1998: 53 %
- 2002: 43 %
- 2005: 36 %
- 2009: 29 %
- 2013: 36 %
- 2017: 23 %
Bei gewerkschaftlich organisierten Arbeitern lag die SPD 1998 noch bei 66 %, 2005 bei 54 %, 2009 bei 26 % und 2017 bei 31 %. Das ist keine Momentaufnahme! Das ist ein langfristiger Verlust der früheren politischen Bindung. Hier wird die Geschichte noch interessanter. Denn Nordrhein-Westfalen blieb lange das sozialdemokratische Kernland.
Bei den Landtagswahlen:
- 1995: SPD 46,0 %
- 2000: 42,8 %
- 2005: 37,1 %
- 2010: 34,5 %
- 2012: 39,1 %
- 2017: 31,2 %
- 2022: 26,7 %
Man sieht dabei etwas Wichtiges: Die Entwicklung war nicht linear. 2012 konnte die SPD noch einmal auf 39,1 Prozent steigen. Das spricht gegen die These eines einfachen, kontinuierlichen Niedergangs. Aber danach ging es erneut abwärts. 2025 erhielt die SPD bei der Bundestagswahl in NRW noch 20,0 % der Zweitstimmen. Und im September 2026 stehen in der aktuellen Forsa-Erhebung 14 % im Raum.
Phase V: Die SPD verliert nicht nur Arbeiter – sie verliert ein Milieu
Das ist meines Erachtens der Kern, den wir herausarbeiten sollten. Es geht nicht nur um Wahlprozente. Ein politisches Milieu bestand aus mehreren Säulen:
Arbeitsplatz
→ Gewerkschaft
→ Betriebsrat
→ Verein
→ Kommune
→ SPD
→ politische Identität
Wenn eine dieser Säulen verschwindet, verändert sich das gesamte System. Und genau das geschah. Die Gewerkschaften selbst verloren Mitglieder und mussten selbst ihre Organisation verändern. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag 2018 bei rund 13 Prozent. Gleichzeitig alterte die Mitgliedschaft und blieb stärker von älteren, männlichen und gewerblichen Beschäftigten geprägt.
Gleichzeitig schrumpfte auch die SPD massiv: Von 943.402 Mitgliedern 1990 auf 437.754 im Jahr 2018 – ein Rückgang von rund 54 Prozent und mithin eine Halbierung! 2024 waren es sogar nur noch rund 357.000.
Und dann kommt ein politisch explosiver Punkt
Die SPD verlor einen Teil ihrer traditionellen Arbeiterbindung. Aber: Die Arbeiter verschwanden politisch nicht. Sie suchten andere Antworten. 2025 erhielt die AfD bei der Bundestagswahl unter Arbeitern 38 %, die CDU/CSU 22 % und die SPD 12 %. Das stammt aus der Exit-Poll-Analyse von Infratest dimap, veröffentlicht in einer Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung. Das ist ein dramatischer Wandel.
Wenn auch daraus nicht automatisch gefolgert werden kann, dass die Arbeiter jetzt alle bei der AfD sind, so nahm der Anteil „blauer Arbeitnehmer“ dennoch deutlich zu und erste Betriebsräte kamen aus der neuen Organisation „Zentrum“ – wodurch der DGB spürbar an Zuspruch verlor.

Denn insbesondere innerhalb dieser Gruppe gibt es unterschiedliche Motive und politische Einstellungen. Eine WSI – Untersuchung zur Bundestagswahl 2025 kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass rund 60 Prozent der AfD-Neuwähler zuvor CDU/CSU, SPD oder sogar FDP gewählt hatten; unter den früheren SPD-Wählern machten sie gut 18 Prozent der AfD-Neuwähler aus. Die neue Wählerschaft ist also keineswegs ausschließlich eine ehemalige SPD-Wählerschaft. Und damit kommen wir zu der eigentlichen Frage:
Wann zerbrach die Symbiose SPD/DGB?
Nach der Quellenlage würde ich vier Daten markieren:
1.) 1970er Jahre – die strukturelle Erosion beginnt
Die Industriegesellschaft verändert sich. Die SPD öffnet sich gesellschaftlich weiter. Das alte Arbeiter-Milieu verliert seine Bindekraft.
2.) 1989/90 – die alte Konfliktordnung verändert sich
Mit dem Ende der deutschen Teilung und dem gesellschaftlichen Wandel verliert das klassische Links-Rechts-Milieu weiter an Selbstverständlichkeit.
3.) 1998 – 2003 – die letzte große Hoffnung und der Bruch
Rot-Grün gewinnt mit massiver gewerkschaftlicher Unterstützung. Dann folgte Agenda 2010. Hier wird aus struktureller Distanz ein offener politischer Konflikt.
4.) 2005 – heute – aus der Entfremdung wird dauerhafte Pluralisierung
WASG/Linkspartei entsteht aus dem morastigen Rest der SED des Ostens und linken Sozialdemokraten des Westens. Später kommen neue Konkurrenzlinien hinzu. Und heute erreicht die Entwicklung einen Punkt, an dem die AfD bei Arbeitern deutlich stärker ist als die SPD.
Die wissenschaftliche Literatur spricht gerade gegen monokausale Erklärungen. Schroeder nennt neben politischen Entscheidungen den Strukturwandel, veränderte Mitgliederstrukturen, neue Parteienkonkurrenz und die zunehmende Komplexität gesellschaftlicher Konflikte.
Die eigentliche Frage lautet also:
Hat die SPD ihre traditionelle Arbeitnehmerschaft verloren – oder hat sie sich selbst so stark verändert, dass sie deren politische Lebenswelt nicht mehr repräsentiert?
Und die sich unmittelbar anschlieende zweite Frage dazu:
Warum konnten die Gewerkschaften ihre Mitgliederbindung teilweise erhalten, während die SPD ihre politische Bindung an dieselben Menschen verlor?
Diesen wirklich interessanten investigativen Ansatz verfolge ich im zweiten Teil mit dem Titel:
„Das Ende der roten Heimat“
Wie die SPD das Ruhrgebiet verlor – und warum der DGB heute nicht mehr automatisch mitzieht
In 5 großen Kapiteln wird die gesamte Entwicklung von Willy Brandt → Helmut Schmidt → Helmu Kohl → Johannes Rau → Gerhard Schröder → Wolfgang Clement → Hartz IV → Merkel-Jahre → Olaf Scholz → heutige NRW-SPD rekonstruiert.
Und zwar anhand von Wahldaten, Arbeiteranteilen, Gewerkschaftsmitgliedschaften, Parteiprogrammen, Industrieabbau, Tarifbindung und Originalaussagen der damaligen Akteure.


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