Wie aus der roten Volkspartei eine Partei unter vielen wurde – und warum die alte sozialdemokratische Parteienherrschaft im Ruhrgebiet an ihr Ende gekommen ist
Als Fazit meiner kleinen Serie steht ein Satz, der für die deutsche Sozialdemokratie kaum härter klingen könnte:
Die Arbeiter sind nicht verschwunden. Aber die Arbeiterpartei hat lange schon aufgehört, ihre natürliche politische Heimat zu sein.
Und genau darin liegt das eigentliche Problem der SPD. Nicht etwa darin, dass es keine Arbeitnehmer mehr gäbe. Nicht darin, dass Gewerkschaften bedeutungslos geworden wären. Und auch nicht darin, dass die wesentlichen soziale Fragen verschwunden wären. Das Gegenteil ist der Fall. Aber die gesellschaftliche Welt, in der die SPD über Jahrzehnte eine dominante, nahezu selbstverständliche politische Führungsrolle innehatte, existiert nicht mehr.
Und das lässt sich inzwischen auch in Zahlen beobachten.
NRW war einmal das rote Herz der Republik
Kaum ein anderes Bundesland war so eng mit der Geschichte der Sozialdemokratie verbunden wie Nordrhein-Westfalen. Ruhrgebiet, das bedeutete Bergbau, Stahl, Zechen, Betriebsräte, Gewerkschaften, Arbeitervereine, SPD-Ortsvereine – nein, das war kein gewöhnliches Wählermilieu. Es war eine soziale Lebenswelt. Wer im Ruhrgebiet z.B. unter Tage arbeitete, im Stahlwerk stand oder in einem großen Industriebetrieb beschäftigt war, hatte häufig nicht nur einen Arbeitsplatz. Er hatte eine politische und gesellschaftliche Umgebung.
Die Gewerkschaft, der Betriebsrat, der SPD-Ortsverein – alles war Teil des Lebens. Diese Verbindung war so stark, dass sie über Generationen weitergegeben wurde. Doch genau diese gesellschaftliche Infrastruktur ist zerfallen. Nein, nicht an einem einzigen Tag und auch nicht durch eine einzige Entscheidung. Und ganz nicht ausschließlich durch Gerhard Schröder oder die Einführung von Hartz IV.
Die Forschung beschreibt vielmehr einen langfristigen Prozess: auseinanderdriftende Mitglieds- und Wählerschaften, veränderte gesellschaftliche Strukturen, neue Konkurrenz um Arbeitnehmerstimmen und eine zunehmende Enttraditionalisierung haben das frühere Verhältnis zwischen SPD und Gewerkschaften brüchig werden lassen.
Der entscheidende Bruch: Die SPD verlor ihr Monopol
1998 konnte man noch einmal den Eindruck gewinnen, die alte Welt sei zurück. Gerhard Schröder führte die SPD zum Bundestagswahlsieg. 40,9 Prozent Zweitstimmen holte die SPD damals bundesweit. Und unter Arbeitern erreichte sie nach den von Wolfgang Schroeder ausgewerteten Daten 53 Prozent. Bei gewerkschaftlich organisierten Arbeitern waren es sogar 66 Prozent.
Das war noch einmal die klassische Sozialdemokratie: Arbeiter → Gewerkschaft → SPD. Doch bereits damals war das Fundament brüchig. Denn nur wenige Jahre später begann ein dramatischer Absturz…
| Bundestagswahl | SPD insgesamt | Arbeiter |
|---|---|---|
| 1998 | 40,9 % | 53 % |
| 2002 | 38,5 % | 43 % |
| 2005 | 34,2 % | 36 % |
| 2009 | 23,0 % | 29 % |
| 2013 | 25,7 % | 36 % |
| 2017 | 20,5 % | 23 % |
Das Entscheidende ist dabei nicht einmal die einzelne Zahl. Es ist die Richtung. Die SPD verlor nicht nur Wahlen. Sie verlor eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit.
Hartz IV war der Brandbeschleuniger – aber nicht das Feuer
Es wäre zu einfach, die gesamte Geschichte auf die Agenda 2010 zu reduzieren. Der Niedergang hatte längst begonnen. Aber die Reformpolitik der Regierung Schröder veränderte das Verhältnis zwischen SPD und Teilen ihrer traditionellen Anhängerschaft fundamental. Denn plötzlich wurde ausgerechnet eine SPD-geführte Bundesregierung zum politischen Adressaten von Protesten aus der eigenen sozialen Basis.
Gewerkschaftliche Unterstützung für die SPD war nicht mehr selbstverständlich. Die Entstehung der WASG und deren spätere Fusion mit der PDS zur Linkspartei schuf zudem eine neue politische Konkurrenz links von der SPD. Damit war etwas passiert, was für eine klassische Volkspartei besonders gefährlich ist:
Die alte Bindung war gebrochen – und es gab nun Alternativen.
Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder kommt deshalb zu einem bemerkenswerten Schluss: Eine Rückkehr zum früheren Verhältnis zwischen SPD und Gewerkschaften sei ebenso wenig zu erwarten wie eine vollständige Entkopplung. Die Beziehung werde komplexer und pluraler. Genau das ist heute sichtbar.
Die SPD selbst weiß, dass ihr „Kernproblem“ der Arbeitnehmer ist
Besonders interessant ist deshalb, was die SPD selbst inzwischen formuliert. In einem Beschluss von 2025 heißt es ausdrücklich, Kern der Wähler- und Mitgliedschaft der SPD müssten wieder die abhängig Beschäftigten werden. Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts sei zugleich stark ausdifferenziert, polarisiert und zunehmend von unterschiedlichen Beschäftigungsformen geprägt. Das ist zumindest bemerkenswert.
Denn damit beschreibt die Partei selbst ziemlich genau das Problem dieser Serie: Die alte Arbeitnehmerschaft gibt es nicht mehr als geschlossenes politisches Milieu. Sie ist divers. Es gibt Facharbeiter, Angestellte, Pflegekräfte, Paketboten, Ingenieure, Selbstständige, Leiharbeiter, Beamte, Teilzeitbeschäftigte, Menschen mit zwei Jobs, Menschen mit Wohneigentum, Menschen ohne Wohneigentum, Menschen mit hohen Einkommen, Menschen, die trotz Arbeit kaum über die Runden kommen. Und Menschen, deren wichtigste politische Fragen längst nicht mehr ausschließlich am Arbeitsplatz entschieden werden.
Der Begriff „Arbeiterschaft“ beschreibt deshalb heute eine wesentlich heterogenere Gruppe als vor 50 oder 70 Jahren.
Und auch die Gewerkschaftswelt ist eine andere
Damit kommen wir zum zweiten großen Verlust der alten roten Welt: Die Gewerkschaften sind noch da. Aber ihre gesellschaftliche Reichweite ist eine andere. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Tarifbindung. Nach Angaben des DGB NRW wurden 1996 noch 82 Prozent der Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen nach Tarif bezahlt. 2023 waren es nur noch knapp 51 Prozent.
Das bedeutet nicht, dass der DGB bedeutungslos geworden wäre. Im Gegenteil: Die Gewerkschaften kämpfen weiterhin um Tarifbindung, Mitbestimmung, Löhne und Arbeitsbedingungen. Aber die alte Welt, in der ein großer Teil der Arbeitnehmer über Betrieb, Tarifvertrag und Gewerkschaft eng miteinander verbunden war, ist kleiner geworden. Damit schrumpft automatisch auch die gesellschaftliche Infrastruktur, über die die SPD früher ihre politische Bindung organisieren konnte.
Die SPD hat nicht nur Wähler verloren – sie hat Milieus verloren
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt der gesamten Serie. Eine Partei kann Wähler verlieren und sie später zurückgewinnen. Ein Milieu zurückzugewinnen, ist wesentlich schwieriger. Denn ein Milieu besteht nicht nur aus Wahlen. Es besteht aus Vereinen, Familien, Arbeitsplätzen, Gewerkschaften, Betriebsräten, Stammtischen, Ortsvereinen, Traditionen, Erinnerungen. Und einem untrüglichen gemeinsamen Gefühl:
„Das sind wir – und das ist unsere Partei.“
Genau dieses Gefühl ist im Ruhrgebiet sukzessive schwächer geworden und ist kaum mehr existent. Und es ist nicht einfach durch ein anderes geschlossenes Milieu ersetzt worden. Das ist der eigentliche historische Wandel.

Vom politischen Zuhause zum politischen Angebot
Früher lautete die Frage vieler Arbeiter: „Welche Partei wählen wir?“
Heute lautet sie häufiger: „Welche Partei vertritt eigentlich meine Interessen?“
Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Es ist aber ein politischer Systemwechsel. Denn wer eine Partei als seine Heimat betrachtet, diskutiert über Details. Wer eine Partei als Angebot betrachtet, vergleicht. Und genau das ist inzwischen Realität. Die SPD konkurriert um Arbeitnehmer längst nicht mehr nur mit CDU und Grünen. Auch die SED/Linkspartei beansprucht soziale Themen für sich.
Attraktivere Parteien wie die AfD werben um Arbeiter mit wirtschafts-, migrations-, energie- oder sicherheitspolitischen Angeboten. Das frühere sozialdemokratische Monopol auf die politische Ansprache der Arbeitnehmerschaft ist damit verschwunden. Das bedeutet nicht, dass eine andere Partei dieses Monopol dauerhaft übernommen hätte. Es bedeutet aber definitiv: Dieses Monopol existiert nicht mehr!
Und dann kam das Jahr 2025…
Die Bundestagswahl 2025 zeigte, wie weit sich Nordrhein-Westfalen inzwischen von seinen alten politischen Kräfteverhältnissen entfernt hat. Die SPD erreichte in NRW bei den Zweitstimmen gerade einmal noch 20,0 Prozent. Die CDU kam auf 30,1 Prozent, die AfD auf 16,8 Prozent, die Grünen auf 12,4 Prozent und die Linke auf 8,3 Prozent. Damit war die SPD längst nicht mehr die selbstverständliche politische Kraft des alten Industrie-NRW. Und jetzt kommt der aktuelle Befund.
September 2026: Der rote „Traditionsbonus“ reicht nicht mehr
Eine am 23. September 2026 veröffentlichte Forsa-Umfrage im Auftrag des „Kölner Stadt-Anzeiger“ liefert einen bemerkenswerten aktuellen Stimmungswert. Gäbe es heute – hypothetisch – eine Bundestagswahl in NRW, käme die SPD auf unzureichende 14 Prozent. Die Umfrage sah die CDU bei 22 Prozent – die AfD allerdings bei 24 Prozent. Für eine Landtagswahl wurden ebenfalls 14 Prozent für die SPD ausgewiesen.
SPD-Güllner’s Forsa befragte 1.030 Wahlberechtigte zwischen dem 7. und 18. September 2026; die angegebene Fehlertoleranz beträgt ±2,5 Prozentpunkte. Man kann daraus deshalb keine sichere Aussage über einen zukünftigen Wahlausgang ableiten. Aber man kann etwas anderes erkennen:
Die frühere Selbstverständlichkeit, dass die SPD in NRW über ein besonders stabiles sozialdemokratisches Fundament verfügt, lässt sich in dieser Momentaufnahme nicht erkennen.
Und genau darum geht es in dieser Serie.
Was bedeutet das für das „Ende der Parteienherrschaft“?
Hier muss man sehr genau sein. Von einem unmittelbar bevorstehenden Ende der SPD als Partei kann keine seriöse Analyse ernsthaft sprechen. Die SPD verfügt weiterhin über Hunderttausende Mitglieder. Ende 2024 waren es nach ihrem eigenen Rechenschaftsbericht 357.117. Aber etwas anderes ist tatsächlich zu beobachten:
1990 hatte die SPD noch mehr als 919.000 Mitglieder.
Ende 2000 waren es rund 735.000.
Ende 2010 etwa 502.000.
Ende 2024 schließlich 357.117.
Das ist keine kurzfristige Delle. Es ist ein erkennbar langfristiger Strukturwandel. Und genau deshalb wäre es falsch, lediglich von einem schlechten Wahljahr zu sprechen.
Die alte Frage lautet heute falsch
Vielleicht liegt hier auch der Denkfehler vieler Debatten über die SPD. Im Erich Ollenhauer-Haus fragen sie sich: „Wie bekommt die SPD ihre Arbeiter zurück?“
Die viel interessantere Frage aber lautet: „Warum sollten Arbeitnehmer heute überhaupt noch eine einzige Partei als ihre politische Heimat betrachten?“

Darauf gibt es keine automatische Antwort. Die Zeiten des klassischen Dreiecks Arbeitnehmer – Gewerkschaft – SPD sind ein für alle Male vorbei. Nicht weil Arbeitnehmer verschwunden wären. Nicht weil Gewerkschaften verschwunden wären. Und nochmal, nicht weil soziale Fragen verschwunden wären (ganz im Gegenteil bedingen heutige Entscheidungen der Bundesregierung starke Gegenwehr!), sondern weil sich die Gesellschaft verändert hat.
„Die einstige Partei der Arbeiter wird nicht mehr gebraucht“
Dieser Satz ist deshalb bewusst zugespitzt. Er bedeutet nicht, dass soziale Politik nicht mehr gebraucht würde. Ganz im Gegenteil. Er bedeutet vielmehr: Eine Partei wird nicht mehr allein deshalb gebraucht, weil sie sich historisch als Vertreterin der Arbeiter versteht.
Politische Vertretung muss sich heute immer wieder neu legitimieren. Durch konkrete Politik. Durch nachvollziehbare Interessenvertretung. Durch Lösungen für eine Arbeitswelt, die mit der Welt der Zechen und Stahlwerke kaum noch vergleichbar ist. Und durch die Fähigkeit, Arbeitnehmer zu erreichen, die sich selbst längst nicht mehr als Teil einer traditionellen „Arbeiterklasse“ verstehen. Damit schließt sich der Kreis unserer dreiteiligen Geschichte.
Das vielleicht größte Missverständnis
Man könnte nun sagen: „Ok, dann ist die SPD eben am Ende.“
So einfach ist es nicht. Eine Partei mit mehr als 350.000 Mitgliedern, jahrzehntelanger Regierungserfahrung und einer weiterhin wahrnehmbaren organisatorischen Präsenz ist nicht einfach verschwunden. Allerdings wei niemand, welche Entwicklung eintritt. Das ist absolut offen. Aber die Zeit, in der das Ruhrgebiet allein aufgrund seiner industriellen und gewerkschaftlichen Struktur zuverlässig als sozialdemokratische Bastion betrachtet werden konnte, gehört der Vergangenheit an.
Der letzte Satz gehört deshalb nicht der SPD
Er gehört dem Ruhrgebiet. Denn die Geschichte der roten Heimat ist nicht nur die Geschichte einer Partei. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die sich verändert hat. Von der Zeche zum Dienstleistungsbetrieb, vom Stahlwerker zum hochqualifizierten Angestellten, vom Gewerkschaftsmilieu zur individuellen Erwerbsbiografie – aber auch vom Ortsverein zum Internet. Und eben von der politischen Heimat zur politischen Auswahl.
Und vielleicht ist genau das die nüchternste Bilanz dieser drei Teile:
Die SPD hat das Ruhrgebiet nicht einfach „verloren“. Das Ruhrgebiet hat sich so grundlegend verändert, dass die alte politische Beziehung zwischen Region, Arbeitnehmerschaft, Gewerkschaft und SPD nicht mehr automatisch funktionieren kann.
Das „Ende der roten Heimat“ ist deshalb weniger das Ende einer Partei als das Ende eines politischen Zeitalters.
Die rote Heimat gibt es noch in Erinnerungen, Institutionen und Traditionen.
Aber als politische Selbstverständlichkeit ist sie Geschichte.
Fazit der dreiteiligen Serie
Die SPD steht nicht zwingend vor ihrem Ende. Aber die SPD als selbstverständliche Partei der Arbeiterschaft ist bereits Vergangenheit.
Und damit endet auch die alte sozialdemokratische Parteienherrschaft im Ruhrgebiet nicht unbedingt mit einem großen Knall.
Sie endet dort, wo politische Herrschaft am nachhaltigsten endet:
wenn niemand mehr davon ausgeht, dass sie selbstverständlich ist.


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