Das Ende der roten Heimat
Eine politische Heimat verschwindet nicht über Nacht. Es gibt politische Erdbeben, die sich lange vorher ankündigen. Die aktuelle Forsa-Umfrage für den Kölner Stadt-Anzeiger ist deshalb weniger wegen ihrer Momentaufnahme interessant als wegen dessen, was sich dahinter verbirgt: In NRW kommt die AfD bei einer angenommenen Bundestagswahl auf 24 Prozent, die CDU auf 22 und die SPD auf 14 Prozent.
Vor einem halben Jahr lag die SPD noch bei 17 Prozent. Das ist bemerkenswert – aber noch bemerkenswerter ist der historische Blick zurück. Denn Nordrhein-Westfalen war über Jahrzehnte nicht einfach ein Bundesland mit vielen SPD-Wählern. Es war mal das politische Kernland der deutschen Sozialdemokratie. Und das Ruhrgebiet war dessen Herzkammer.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Wie konnte ausgerechnet dort, wo Arbeiter, Gewerkschaften und Sozialdemokratie über Generationen eine politische Einheit bildeten, eine solche Distanz entstehen?
Die Antwort beginnt lange vor Olaf Scholz, lange vor Hartz IV und sogar lange vor Gerhard Schröder.
1.) Die „rote Heimat“ war mehr als eine Partei
Wer die alte Sozialdemokratie verstehen will, darf nicht bei Wahlprogrammen anfangen. Er muss ins Ruhrgebiet gehen. In die Zeche. Ins Stahlwerk. In die Werkstatt. In den Betriebsrat. In die Gewerkschaft. Und schließlich konsequenterweise in den SPD-Ortsverein. Dort entstand eine politische Lebenswelt, in der Arbeit und Politik, Gewerkschaft und Partei, Betrieb und Kommune eng miteinander verbunden waren.
Der Historiker und Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder beschreibt diese traditionelle Verbindung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften als eine besondere politische und soziale Beziehung. Die klassische Arbeiterschaft stellte in der SPD und im DGB über Jahrzehnte einen erheblichen Teil der Mitglieder.
1950 waren beispielsweise noch 48,8 Prozent der Erwerbstätigen Arbeiter. In der SPD lag der Arbeiteranteil damals bei 45 Prozent, im DGB sogar bei über 83 Prozent. Aber schon 1970 hatte sich etwas verändert. Der Arbeiteranteil in der Gesellschaft war auf 47,4 Prozent gefallen, in der SPD auf 34,5 Prozent und im DGB auf 75,8 Prozent.
1980:
Gesellschaft: 42,3 Prozent
SPD: 27,4 Prozent
DGB: 68,2 Prozent
2000:
Gesellschaft: 33,4 Prozent
SPD: 19,3 Prozent
DGB: 60,2 Prozent
Die Entwicklung ist eindeutig: Die klassische Arbeiterschaft verlor innerhalb der Sozialdemokratie schon Jahrzehnte vor der Agenda 2010 an Gewicht. Das ist der erste große Befund unserer Recherche.
2.) Der erste Riss kam nicht wegen Gerhard Schröder

Die einfache Erzählung lautet:
Schröder machte Hartz IV – und die SPD verlor ihre Arbeiter.
Das ist politisch eingängig. Historisch reicht es aber nicht. Denn die Entfremdung hatte bereits begonnen.
Die Ursache lag zunächst in einem gewaltigen gesellschaftlichen Strukturwandel. Die klassische Industriegesellschaft verschwand. Kohle verlor an Bedeutung. Stahl wurde rationalisiert. Produktionsstandorte wurden geschlossen oder modernisiert. Arbeitsplätze veränderten sich.
Gleichzeitig wuchs der Dienstleistungssektor. Aus Arbeitern wurden Angestellte. Aus Industrieorten wurden Hochschul-, Verwaltungs- und Dienstleistungsstandorte. Der DGB selbst bezeichnet den Strukturwandel an Rhein und Ruhr heute als eine tiefgreifende historische Transformation, aus der Lehren für die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung gezogen werden müssten. Das Problem für die SPD: Ihre gesellschaftliche Grundlage veränderte sich schneller als ihre politische Erzählung.
3.) Die SPD wurde zur Volkspartei – und verlor dadurch ein Stück ihrer alten Identität
Das klingt zunächst paradox. Aber genau darin steckt ein wesentlicher Teil der Geschichte. Die SPD wollte nicht mehr ausschließlich Partei der Arbeiter sein. Sie wollte Volkspartei werden, für Angestellte, Beamte, Akademiker, Frauen – aber auch für neue Mittelschichten. Ökologisch orientierte Wähler. Jüngere urbane Milieus.
Das war politisch erfolgreich. Aber jede Öffnung hat ihren Preis. Je breiter die SPD wurde, desto weniger konnte sie gleichzeitig die spezifische Interessenvertretung der klassischen Industriearbeiterschaft bleiben. Das war zunächst noch kein Problem. Solange die verschiedenen Gruppen unter dem großen sozialdemokratischen Dach zusammenblieben. Doch irgendwann begannen die Interessen auseinanderzulaufen.
4.) 1998 schien die „alte Welt“ noch einmal zurückzukehren
Dann kam Gerhard Schröder. 1998 gewann die SPD die Bundestagswahl mit 40,9 Prozent. Im Ruhrgebiet und unter Gewerkschaftern war die Hoffnung groß. Die Gewerkschaften unterstützten den politischen Wechsel. Die Verbindung zwischen SPD und Gewerkschaften schien wiederhergestellt. Doch diese Phase sollte nur kurz sein.
Denn Deutschland stand inzwischen vor einem anderen wirtschaftlichen Problem: hohe Arbeitslosigkeit, strukturelle Veränderungen, internationale Konkurrenz und ein Arbeitsmarkt, der politisch neu geordnet werden sollte. Die Bundesregierung entschied sich für die Agenda 2010. Und damit begann der offene Konflikt.
5.) Der Moment, in dem politische Loyalität in politische Konkurrenz umschlug
Mit den Hartz-Reformen wurde aus der bisherigen Nähe zwischen SPD und Gewerkschaften zunehmend Konfrontation. Das war kein kleiner Streit über Details. Es ging schlicht und ergreifend um eine Grundfrage: Wie viel soziale Absicherung kann ein moderner Arbeitsmarkt gewährleisten – und wie viel Flexibilität braucht die Wirtschaft?
Die rot-grüne Bundesregierung beantwortete diese Frage anders als viele Gewerkschaften. Der Konflikt war so erheblich, dass sich linke Gewerkschaftsfunktionäre später an der Gründung der WASG beteiligten. Die „Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit“ um SPD-Urgestein Oskar Lafontaine fusionierte schließlich mit der PDS zur Partei „Die Linke“ und wurde mithin Rechtsnachfolgerin der SED.
Damit entstand erstmals seit Jahrzehnten eine dauerhafte politische Konkurrenz links von der SPD, die unmittelbar aus Teilen des gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Milieus gespeist wurde. Das war ein Wendepunkt. Die jahzehntelange Gleichung
Gewerkschaft → SPD
war endgültig keine Selbstverständlichkeit mehr.
6.) Und dann verschwanden die Arbeiter nicht – sie wurden politisch beweglicher
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Die Menschen, die sich sukzessive von der SPD entfernten, verschwanden ja nicht. Sie blieben schließlich Arbeitnehmer und Gewerkschaftsmitglieder. Und: sie blieben im Ruhrgebiet. Aber ihre politische Bindung wurde schwächer. Die SPD verlor damit nicht einfach eine Wählerschicht. Sie verlor politische Loyalität.
Und genau das lässt sich heute in den Wahldaten beobachten. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die SPD in NRW noch 20,0 Prozent der Zweitstimmen. Die AfD kam auf 16,8 Prozent. Die CDU lag bei 30,1 Prozent. Im Ergebnis von 2025 war bereits ein dramatischer Abstand zu früheren sozialdemokratischen Wahlergebnissen erkennbar.
Und jetzt liefert die Forsa-Umfrage vom September 2026 die nächste Momentaufnahme:
→ SPD 14 Prozent.
Dazu im Verhältnis:
→ AfD 24 Prozent.
Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine Umfrage und nicht um ein Wahlergebnis.
7.) Das Ruhrgebiet ist heute nicht mehr die Welt von 1965
Man muss sich nur die Region anschauen: Die DGB-Region Ruhr-Mark beschreibt selbst, wie sich inzwischen ehemalige Bergbaustandorte wie Bochum und Herne zu Hochschul- und Dienstleistungsstandorten entwickelt haben. Gleichzeitig ist die Region weiterhin von Industrie geprägt.
Das Ruhrgebiet ist also nicht einfach „entindustrialisiert“. Das wäre ebenfalls zu simpel. Es gibt weiterhin Stahl. Chemie, Maschinenbau, Logistik, Energie, Automobilzulieferer, Mittelständische Industrie. Aber die soziale Struktur hat sich verändert. Und mit ihr die politische Landschaft.
8.) Der zweite große Verlust: Tarifbindung
Und hier kommt der DGB ins Spiel. Denn wenn die SPD ihre traditionelle Bindungskraft verloren hat, bedeutet das nicht automatisch, dass die Gewerkschaften ebenfalls verschwunden sind. Sie stehen heute vor einem anderen Problem: Die institutionelle Reichweite der Gewerkschaften nimmt ab.

Der DGB NRW weist darauf hin, dass 2023 nur noch rund 51 Prozent der Beschäftigten in NRW tarifgebunden waren. 1996 waren es noch 82 Prozent. Das ist enorm. Denn der Tarifvertrag war eine der wichtigsten Institutionen der alten Arbeitnehmergesellschaft.
Er regelte:
- Lohn
- Arbeitszeit
- Urlaub
- Zuschläge
- soziale Standards
- Mitbestimmung
Und er schuf etwas, das politisch mindestens ebenso wichtig war: Gemeinschaft.
Wenn aber immer weniger Beschäftigte unter Tarifverträge fallen, wird auch die institutionelle Erfahrung gemeinsamer Interessen schwächer.
9.) Der DGB ist deshalb nicht „weg“
Das wäre die nächste falsche Schlussfolgerung. Der Deutsche Gewerkschafts Bund ist nach wie vor weiterhin politisch aktiv. Er fordert beispielsweise eine höhere Tarifbindung und setzt sich für Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen ein. 2026 kritisierte der DGB NRW allerdings, dass das neue „Tariftreuegesetz“ wesentliche Bereiche – insbesondere kommunale Vergaben – nicht ausreichend erfasse.
Auch beim Strukturwandel fordert der DGB weiterhin die Beteiligung der Beschäftigten und der Sozialpartner. Die Gewerkschaften haben also keineswegs aufgehört, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten.
Was sich verändert hat, ist die politische Beziehung zur SPD.
Sie ist heute institutionell enger Kooperation verpflichtet als früher – aber nicht mehr automatisch parteipolitischer Gefolgschaft. Das ist ein entscheidender Unterschied.
10.) Aus einer Symbiose wurde ein Zweckbündnis
Früher konnte man vereinfacht sagen: Arbeiter → Gewerkschaft → SPD
Heute muss man die Pfeile trennen:Arbeiter → Gewerkschaft
und: Arbeiter → unterschiedliche Parteien
sowie: Gewerkschaft → politische Interessenvertretung
Das sind heute drei unterschiedliche Beziehungen. Der DGB kann mit einer SPD-Regierung in bestimmten Fragen übereinstimmen. Er kann eine CDU-geführte Regierung in anderen Fragen unterstützen. Er kann eine Landesregierung kritisieren. Und er kann politische Forderungen stellen, die keine Partei vollständig übernimmt.
Genau deshalb ist die Formulierung „Der DGB zieht nicht mehr automatisch mit“ treffender als die Behauptung, SPD und Gewerkschaften seien vollständig voneinander getrennt.
11.) Das eigentlich Interessante: Warum konnte die SPD diese Bindung nicht ersetzen?
Hier beginnt die schwierigere Frage. Wenn die klassische Industriearbeiterschaft kleiner wird, muss eine Volkspartei neue gesellschaftliche Gruppen gewinnen. Das hat die SPD zweifellos getan. Aber:
Hat sie gleichzeitig ihre alte soziale Basis ausreichend gehalten?
Die langfristigen Daten legen nahe, dass das immer schwieriger wurde. Der Arbeiteranteil in der SPD sank wesentlich stärker als der Arbeiteranteil an der Gesamtbevölkerung.
Das ist politisch relevant. Denn eine Partei kann ihre Wählerschaft verändern. Aber wenn sie dabei eine Kernmilieu verliert, muss sie dieses Loch dauerhaft neu füllen. Und genau das ist der SPD offenbar nur teilweise gelungen.
12.) Das Ruhrgebiet als Warnsignal
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung der aktuellen Forsa-Zahlen.
Nicht:
„Die AfD hat NRW erobert.“
Das wäre aus einer Umfrage eine Wahlaussage abzuleiten.
Sondern:
Eine Partei, die jahrzehntelang zum politischen Inventar der industriellen Arbeitnehmergesellschaft gehörte, hat in ihrem historischen Kernland einen erheblichen Teil ihrer früheren Bindungskraft verloren.
Das ist eine überprüfbare Entwicklung. Und sie ist älter als die AfD. Die AfD ist vielmehr ein später Akteur in einem bereits veränderten Parteiensystem. Warum konnte die SPD ihre historische Bindung an Arbeitnehmer nicht in gleicher Weise erneuern, wie sich die Arbeitswelt verändert hat?
Die Frage für unsere Reihe muss deshalb lauten:
13.) Die drei großen Brüche
Wenn wir unsere bisherige Recherche auf drei historische Zäsuren reduzieren, ergibt sich ein interessantes Bild:
Bruch 1: 1970er/80er
Die Industriegesellschaft verändert sich.
Der klassische Arbeiter verliert innerhalb der Gesellschaft und innerhalb der SPD an Gewicht.
Bruch 2: 2003–2005
Agenda 2010 und Hartz IV.
Aus struktureller Distanz wird ein offener Konflikt zwischen Teilen der SPD und Gewerkschaften.
Bruch 3: 2010er/2020er
Die politische Bindung wird endgültig plural.
SPD, CDU, Grüne, Linke und später AfD konkurrieren um Arbeitnehmergruppen, die nicht mehr automatisch sozialdemokratisch wählen.
14.) Und genau hier beginnt Teil 3
Denn bisher haben wir vor allem die SPD und den DGB betrachtet.
Aber damit fehlt noch eine entscheidende Figur:
Der Arbeitnehmer selbst.
Warum wechseln Menschen ihre politische Heimat? Liegt es tatsächlich an der rückwärtsgewandten Sozialpolitik? Sind es Löhne und Arbeitsplätze? Ist es die überbordende Migration? Sind es zu hohe Energiepreise? Ist es das Gefühl gesellschaftlicher Anerkennung oder Nichtanerkennung? Ist es die Wahrnehmung, dass Politik sich stärker um fremde gesellschaftliche Gruppen kümmert? Vermutlich aber ist die alte politische Milieubindung schlicht verschwunden – zudem entscheiden Arbeitnehmer heute einfach individueller. Das müssen wir voneinander trennen.
Denn genau hier lauert die Gefahr der politischen Legendenbildung.


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